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Wirbel um Bad Windsheimer Demenz-Zentrum

Projekt droht nach scharfer Kritik zu scheitern - Chronologie der Ereignisse - 30.12.2017 19:11 Uhr

Viele Jahre schon laufen die Überlegungen und Planungen zu einem Demenz-Zentrum der Hospitalstiftung. Der Innenhof des Pflegeheims soll davon unberührt bleiben. © Günter Bland


Selbstbewusst und zukunftsorientiert hatten sich die Verantwortlichen der Hospitalstiftung vor mehr als fünf Jahren daran gemacht, das Projekt Demenz-Zentrum auf den Weg zu bringen. Hatte schon die Komplettsanierung und Modernisierung des Seniorenheims vor 25 Jahren Modellcharakter, so wollen Hospital-Verwaltungsleiter Claus Düll und Stadtkämmerer Siegfried Heger mit der Einrichtung samt integriertem Kompetenzzentrum Demenz eine weitere Duftmarke in der Seniorenpflege-Landschaft setzen. Mit ihrem Betreuungs- und Pflegekonzept, basierend auf dem Drei-Welten-Modell des Schweizer Gerontopsychiaters Dr. Christoph Held soll ein Alleinstellungsmerkmal geschaffen werden. Ein Konzept für den Standort Bad Windsheim wurde von der Stiftung erarbeitet. Den Bedarf an einer derartigen Einrichtung hatte nicht zuletzt das vom Landkreis in Auftrag gegebene Modus-Gutachten aus dem Jahr 2012 bestätigt.

Das Drei-Welten-Modell basiert auf der Erkenntnis, dass Menschen mit einer demenziellen Erkrankung entsprechend deren Stadien und Schweregraden verschiedene Erlebniswelten durchleben: Es beginnt mit der Phase der Verunsicherung, gefolgt von der Weglauf- und Verwirrungsphase bis hin zur Hilfsbedürftigkeit. Diese Konzept erachten die Verantwortlichen der Stiftung als das aktuell beste – für die Patienten, deren Angehörige und die Mitarbeiter. Dadurch wiederum werde die Einrichtung zu einem attraktiven Arbeitgeber, der "Fortbestand der Hospitalstiftung würde gesichert", sagt Stadtkämmerer Siegfried Heger.

Die Planung

Nicht erst bei der Beratung und Verabschiedung des Stiftungshaushalts 2017/18 wurde klar, dass für die Realisierung des Projekts außergewöhnlich hohe Kreditaufnahmen von insgesamt 9,6 Millionen Euro nötig werden. Umbau und Modernisierung des Bestands eingeschlossen, wuchsen die veranschlagten Gesamtkosten auf rund 13,6 Millionen Euro. Angesichts dieser Dimensionen bildete der Stadtrat aus seinen Reihen einen baubegleitenden Ausschuss.

Mit der Verabschiedung des Haushalts im Frühjahr begann der Einstieg in den Monate währenden Austausch mit der Rechtsaufsicht am Landratsamt, die den Haushalt genehmigen muss. Offensichtlich sah sich die Behörde nicht in der Lage, den Etatentwurf abschließend eindeutig zu bewerten, in der Konsequenz gab sie hierzu eine Expertise bei dem öffentlich bestellten Gutachter Thomas Kapitza in Germering in Auftrag. Landrat Helmut Weiß informierte Bürgermeister Bernhard Kisch hierüber am 28. September, der seinerseits die Vorsitzenden der Stadtratsfraktionen am 13. November in Kenntnis setzte.

Eine Woche später traf das Gutachten beim Landratsamt ein, welches daraufhin umgehend seine Bedenken bezüglich der Genehmigungsfähigkeit des Stiftungsetats mitteilte. Es folgte ein weiterer Informationsaustausch zwischen Stiftung und Landratsamt, doch am 6. Dezember stand fest: Der Haushalt wird nicht genehmigt.

Watschen, Bomben, Erdbeben

Noch am selben Tag berief Bürgermeister Kisch eine nicht öffentliche Sitzung des Stadtrats ein. Zu dieser erschien erstmals auch Gutachter Kapitza in Bad Windsheim, gemeinsam mit seinen Auftraggebern vom Landratsamt um Helmut Weiß. Was hinter verschlossenen Türen ablief, beschreiben Beteiligte einhellig als verheerend: Der Gutachter zerlegte die jahrelange Arbeit von Kämmerer Heger und Stiftungsleiter Düll.

In einer zweieinhalbstündigen Sitzung habe man sich "abwatschen" lassen müssen und zudem den "Hinweis" bekommen, "dass wir strategisch, konzeptionell und betriebswirtschaftlich schlecht aufgestellt sind", fasste etwa Gerhard Koslowski bei der nachfolgenden öffentlichen Ratssitzung seine Eindrücke zusammen. Landrat Weiß spricht selbst von einem "politischen Erdbeben", andere von einer Bombe, die dieser der Stadt unter den Weihnachtsbaum gerollt hat. Ismene Dingfelder äußert ihr Entsetzen und attackiert Kisch mit dem Ausruf "Das ist Unfähigkeit". Auch Jürgen Heckel versucht die Situation politisch zu nutzen und sagt wiederholt "Das ist das Ende von Kisch". Und Matthias Oberth stellt ernüchtert fest: "Wir wehren uns nicht mal dagegen. Obwohl wir dazu stehen und stolz darauf sind, lassen wir uns das in eineinhalb Stunden kaputtmachen."

Das Gutachten

Die Erkenntnis, welche das Landratsamt aus dem Gutachten gewinnt, ist für Stiftung und Stadt katastrophal: Schon jetzt bestehende "Betriebsprobleme" und "fachlich derzeit unzureichend betriebswirtschaftliche Planungen" ließen befürchten, dass die Stiftung keine positiven Betriebsergebnisse mit dem Pflegeheim erzielen könne.

Im Gegenzug setzt man in Stadtratskreisen Fragezeichen hinter die Herangehensweise des Gutachters. Die von ihm erwartete Rendite beispielsweise kann und will die Stiftung nicht leisten. Gemutmaßt wird auch, dass Kapitza nachgereichte, weil angeforderte Unterlagen nicht mehr in seine Bewertung hat einfließen lassen.

Interessant ist auch die Bedeutung des Modus-Gutachtens. Unter anderem aus den darin gewonnen Erkenntnissen leitete man bei der Hospitalstiftung den Bedarf an einem Demenz-Zentrum ab. Für Kapitza sind diese Daten heute zu alt und von daher für die Ermittlung des Bedarfs untauglich. Als unglücklich wird zudem gesehen, dass Thomas Kapitza vor dem 9. Dezember nie vor Ort war, um sich ein Bild zu machen. Zur Erstellung des vom Landratsamt in Auftrag gegeben Buchgutachtens war er hierzu aber wohl auch nicht verpflichtet. Der Gutachter äußerte sich auf Anfrage der WZ überhaupt nicht zu Entstehung oder Inhalte seines Gutachtens; dies verbiete ihm sein Vertrag mit dem Auftraggeber, also dem Landratsamt.

Aus dem Kopf aufs Papier

Die Stadt will nun, wie vom Gutachter empfohlen und vom Rat beschlossen, "eine Machbarkeitsanalyse für ein Demenz-Zentrum auf Basis unserer bisherigen Zielsetzungen erarbeiten" und dazu einen "externen Projektbegleiter" hinzuziehen.

Dies könnte ein Ansatz sein, um wieder zueinander zu finden, fachlich wie zwischenmenschlich. Den Schutt des Erdbebens vom 9. Dezember zusammenzukehren, sobald sich der Rauch gar verzogen hat, ist nun aller gemeinsame vornehme Aufgabe. So dürfte denn Bürgermeister Kisch mit einer Einschätzung in jedem Fall richtig liegen: "Die Bewertung braucht ein paar Tage, es bringt nichts, etwas abzusondern, was nicht Hand und Fuß hat." 

Günter Blank/Bastian Lauer/Stefan Blank

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