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Bayerns Bauern: "Der Wolf muss sich uns anpassen"

Landwirte bei Symposium gegen unkontrollierte Ausbreitung des Raubtiers - 26.02.2018 05:26 Uhr

Der Wolf ist zurück, auch in Franken - und nicht nur in Wildgehegen wie hier im Erlebnispark Tripsdrill. © Wolfram Kastl/dpa


Peter Blanché hat keinen leichten Stand in dieser Runde. Als der Vorsitzende der Gesellschaft zum Schutz der Wölfe mögliche Schutzmaßnahmen für Weidetiere vorstellt, lachen einige Zuhörer immer wieder höhnisch oder schütteln skeptisch die Köpfe.

Einem oberfränkischen Wanderschäfer platzt schließlich der Kragen: "Machen Sie mal 14 Tage ein Praktikum bei mir, damit Sie ein Bild von der Realität bekommen", rät er dem Tierarzt und Wolfsexperten, der solche Reaktionen bei seinen Vorträgen freilich gewöhnt ist. Die Ausbreitung von Canis Lupus im Freistaat weckt viele Ängste bei den Menschen, unter anderem bei Landwirten und Weidetierhaltern, die um ihre wirtschaftliche Existenz bangen.

Obergrenze gefordert

"Einen hundertprozentigen Schutz vor dem Wolf gibt es nicht", muss auch Blanché einräumen, und viele Besucher fragen sich angesichts der präsentierten Möglichkeiten wie Stromzäune, Herdenschutzhunde oder mobile Ställe auf der Weide, ob hier Aufwand und Ergebnis überhaupt noch in einem sinnvollen Verhältnis zueinander stehen.

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Rudolf Kratzer, der Moderator der Tagung im oberfränkischen Landkreis Lichtenfels, ist hörbar um eine sachliche Tonlage bemüht. "Nicht wir müssen uns dem Wolf unterordnen, sondern der Wolf muss sich uns unterordnen. Dann können wir auch miteinander leben", sagt der Vorsitzende des Oberfränkischen Wildhalterverbandes, der nach eigener Aussage jeden gut verstehen kann, "der diese Tiere faszinierend findet". Das Fazit eines vom Bundesamt für Naturschutz in Auftrag gegebenen Gutachtens, dass in Deutschland eine Population von 5000 bis 6000 Wölfen möglich und auch mit unserer modernen Gesellschaft vereinbar sei, hält Kratzer jedoch für weltfremd. Die Forderung nach einer Obergrenze wird immer wieder laut an diesem Tag.

Rund 500 Wölfe in Deutschland 

Manfred Löbl, der bei der Regierung von Oberfranken für den Bereich Umwelt zuständig ist, spricht sich zum Beispiel dafür aus, dass Wölfe, die Weidezäune überwinden oder sich den Ansiedlungen von Menschen nähern, gezielt "entnommen" werden dürfen – so wird die Tötung einzelner Tiere im Amtsdeutsch umschrieben. Zurzeit ist der Wolf in Deutschland allerdings streng geschützt. Wer Meister Isegrimm abschießt, dem drohen hohe Geld- oder sogar Freiheitsstrafen.

Inzwischen beschäftigt das Raubtier, von dem nach aktuellen Schätzungen mittlerweile rund 500 Exemplare durch deutsche Landschaften streifen, auch die Bundespolitik. Im Koalitionsvertrag der möglichen GroKo steht in einem Passus über den Wolf und die Weidetierhaltung, dass die Sicherheit des Menschen oberste Priorität habe. Und auch die ist nach Überzeugung vieler Symposiumsteilnehmer gefährdet, wenn sich dieser Beutegreifer unkontrolliert ausbreitet.

"Da hielt sich Mitleid in Grenzen" 

Wie sich die Situation entwickeln kann, wenn sich einige Wolfsrudel bilden, davon berichten zwei Gäste aus Brandenburg. Jens Schreinicke, Vorsitzender des Kreisbauernverbandes Potsdam-Mittelmark und Chef eines Betriebs mit 90 Mutterkühen, erzählt bei seinem Besuch in Oberfranken von gerissenen Rindern und Kälbern, von einem Hund auf einem eingezäunten Privatgrundstück, dem ein Wolf die Vorderpfote abgebissen hatte, und von einem Kollegen, der nach mehreren Attacken auf sein Vieh die Nase voll hatte und seinen Betrieb verkaufte.

Er erzählt auch von einigen Ziegen, die eine Tierschützerin vor dem Schlachter bewahren wollte, und die dann ein Festmahl für den Beutegreifer wurden. "Da hielt sich mein Mitleid in Grenzen."

Jens Schreinicke und Gregor Beyer, Geschäftsführer des "Forums Natur Brandenburg", präsentieren im Kloster Banz auch die offizielle Rissstatistik Brandenburgs: Im Jahr 2015 wurden in dem Bundesland 97 Fälle von mutmaßlich durch Wölfe getöteten Nutztieren registriert, 2016 waren es 244 Fälle, im vergangenen Jahr stieg die Zahl auf 382 Fälle.

"Wir haben viel zu lange die Märchen bezüglich des Wolfs geglaubt", sagt Gregor Beyer. Zum Beispiel sei es ein Mythos, dass der Wolf scheu sei. "Vergessen Sie das! Diese Scheu vor dem Menschen erhält sich nur, wenn der Wolf bejagt wird", behauptet Beyer und berichtet von Attacken auf Tiere, die sich mitten in brandenburgischen Kleinstädten ereignet hätten.

"Der Wolf ist auch nur ein fauler Hund" 

Manche Naturschützer sprächen in so einem Fall von Problemwölfen, "doch ob ein Wolf zu einem Problem wird, entscheiden Ort, Zeit und Gelegenhei", erklärt der ehemalige FDP-Landtagsabgeordnete, der früher für den Naturschutzbund in Brandenburg gearbeitet hat. Deshalb sei es ein weiteres Märchen, dass sich dieses Raubtier vor allem von Rotwild ernähre. "Der Wolf ist auch nur ein fauler Hund, der sich zuerst das holt, was er am leichtesten kriegt", erklärt Beyer. In seinem Bundesland seien mittlerweile sogar schon Pferde von den Beutegreifern gerissen worden.

Rudolf Kratzer wiederum präsentiert eine Liste von bestätigten Attacken auf Menschen in aller Welt. Der jüngste bekanntgewordene Vorfall ereignete sich am 19. Januar in der Ukraine, wo ein Wolf eine 70-jährige Frau in ihrem Garten angriff und sie am Arm verletzte.

Dennoch befürchtet Wolfgang Thomann vom Verband Bayerischer Schafhalter, dass die politische Auseinandersetzung über den Wolf erst am Anfang steht. "Wir leben in einer Bambi-Gesellschaft. Wenn irgendwann die gesetzliche Grundlage für eine gezielte Bejagung geschaffen ist und der erste Wolf abgeschossen wird, gibt das einen Volksaufstand", befürchtet der Fachmann für Weidetierhaltung. 

André Ammer

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