Donnerstag, 17.01.2019

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Der "Hendlfriedhof" verlässt die "tschüssfreie Zone"

"Förderverein Bairische Sprache und Dialekte" ist zerstritten und spaltet sich auf - 12.12.2011 14:57 Uhr

Die Behauptung, Dialekte seien ein Schul- und Karrierehindernis, sei längst widerlegt, freuen sich die Vertreter des Fördervereins Bairische Sprache und Dialekte. Trotzdem spaltet sich der Verein auf. © dpa


Der Haussegen bei Bayerns Dialektförderern hängt gehörig schief – mehr noch: Sie sind geschiedene Leute. Nach einem langen zermürbenden Streit um den richtigen Weg sind die beiden bekanntesten Dialektkämpfer aus dem „Förderverein Bairische Sprache und Dialekte“ (FBSD) ausgetreten.

Doch sie lassen es damit nicht bewenden. Sie haben mit dem „Bund Bairische Sprache“ einen eigenen Verein gegründet. Der Niederbayer Sepp Obermeier ist vielen Anhängern des Dialekts wegen der jährlichen Verleihung der „Sprachwurzel“ an Menschen bekannt, die genau so reden, wie ihnen der Schnabel gewachsen ist. Papst Benedikt XVI. ist der prominenteste Träger der Auszeichnung.

Und Hans Triebel hat immer wieder spektakulär für die Rettung der von der Unesco als gefährdet eingestuften bayerischen Sprache gekämpft. Offiziell begründet der neue Vereinschef Obermeier die Spaltung mit anderen Schwerpunkten, die es im ostbayerischen Sprachraum zu setzen gelte. Doch in Wirklichkeit war der in Konzell (Landkreis Straubing-Bogen) beheimatete Obermeier schon lange unzufrieden mit der Arbeit des FBSD: „Akademiker und Jugendliche kann man auf der folkloristischen Ebene nicht zum Erhalt der Dialekte bewegen, das muss auf der sprachwissenschaftlichen Schiene geschehen.“ Er spielt damit auf Preisrätsel an, mit denen der FBSD die Bedeutung von Wörtern wie „Hendlfriedhof“ (Dicker Bauch) erraten lasse.

Der Niederbayer will statt Aktionismus die Hochschulen für die Rettung der aussterbenden Dialekte gewinnen. Als Beispiel nennt Obermeier Vorlesungen und Seminare zum Dialekt an der Uni Regensburg. Jene Lehrer, die sich in der Ausbildung wissenschaftlich damit auseinandersetzen, stünden als Multiplikatoren den Mundarten aufgeschlossen gegenüber. „Sie wirken in die Region, weil sie bis zur Pensionierung den Dialekt im Schulalltag aufwerten.“

Dass der neugegründete Dialektverein einen gesamtbayerischen Anspruch erhebt und dem FBSD langfristig den Rang ablaufen will, belegt eine wichtige Personalie: Als Obermeiers Stellvertreter fungiert die Galionsfigur in der bayerischen Dialektpflege schlechthin: Hans Triebel. Unvergessen, wie er vor Jahren anprangerte, dass ein Volksschüler wegen seines Dialektes eine schlechtere Zeugnisbeurteilung bekam. Der Passus wurde gestrichen, nachdem CSU-Rebell Peter Gauweiler sich eingeschaltet hatte.

Dann stellte er vor seinem Wirtshaus „Gotzinger Trommel“ in Weyarn (Landkreis Miesbach) ein Schild mit der Aufschrift „Tschüssfreie Zone“ auf. Es fand Nachahmer sogar außerhalb Bayerns. Hartnäckig kämpft Triebel auch für Dialektsendungen im Bayerischen Rundfunk. Obermeier setzt aber vor allem deshalb auf ihn, weil Triebel beste Verbindungen zu den führenden Dialektologen in Österreich hat.

Der Schlüssel für das Überleben der Dialekte in Bayern liegt nach Überzeugung Obermeiers im vorschulischen Bereich. In vielen Kindergärten herrsche geradezu ein dialektablehnendes Klima. Dabei sei nach dem neuesten Stand der Sprachwissenschaft erwiesen, dass die Dialekte die beste Grundlage für Mehrsprachigkeit sind. Doch viele Kindergärten „vertreten weiter die Irrlehre von den Dialekten als Schulkarriere- und Karrierehemmnis, obwohl diese Irrlehre längst auf dem Müllhaufen der Sprachwissenschaft entsorgt wurde“.

Die Schulen im Freistaat sind nach Beobachtung des neuen Vereinschefs auf diesem Gebiet schon weiter. Ausdrücklich lobt Obermeier das Kultusministerium, das die neuesten Erkenntnisse der Sprachwissenschaft umgesetzt habe. „Die Dialekte haben in den Schulen in den vergangenen fünf Jahren erheblich an Wertschätzung gewonnen.“ Der neue Verein zieht daraus den Schluss: Die Zuständigkeit für die Kindergärten muss wieder vom Sozialministerium ins Kultusministerium zurückverlagert werden.

Der 1989 gegründete FBSD mit seinen rund 3200 Mitgliedern bedauert die Spaltung. „Es gab unterschiedliche Auffassungen über die Vereinsführung“, sagt sein Vorsitzender Horst Münzinger. Obermeier habe sich zuletzt vom FBSD entfremdet gehabt. Die Gründung eines neuen Vereins sei daher die logische Konsequenz. Leider müsse man nun also im gemeinsamen Kampf um die Rettung des Dialektes getrennte Wege gehen, so Münzinger. Und sein Vize Siegfried Bradl meint an die Adresse von Obermeier gerichtet: „Reisende soll man nicht aufhalten.“ 

Von Paul Winterer, dpa

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