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Einsamkeit an Festtagen: Viele leiden am Alleinsein

Zahlreiche Institutionen bieten Hilfe gegen die Einsamkeit - 16.12.2018 12:14 Uhr

Einsamkeit ist vor allem über die Feiertage ein großes Problem für alt und jung. © Bodo Marks/dpa


Mit zittrigen Händen hebt der alte Herr in grauem Anzug und roter Fliege ein Stück Braten auf seinen Teller. Allein sitzt er am Kopf des polierten Esstisches, links und rechts reihen sich leere Stühle, vor ihm brennt eine einsame Kerze im Tannengesteck. Schließlich greift der Mann zu einer radikalen Maßnahme: Er täuscht seinen Tod vor, um seine Familie an Weihnachten zu sich zu holen. Was 2015 als Skript für einen Werbeclip der Supermarktkette Edeka Tausende berührte, ist für viele Realität. Besonders an Feiertagen leiden Menschen unter dem Gefühl, einsam zu sein.

Einsamkeit mache aber nicht nur älteren Menschen zu schaffen: "Auch junge Erwachsene fühlen sich häufig einsam", sagt Christina Timm vom Psychologischen Institut der Universität Heidelberg. Kinder oder Menschen im mittleren Alter hätten dieses Gefühl statistisch gesehen hingegen seltener, weil sie meist in feste Familienstrukturen eingebunden seien. Unabhängig vom Alter sei Einsamkeit ein subjektives Gefühl, das jeder irgendwann habe. Problematisch werde es, wenn sich jemand chronisch einsam fühle.


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Wichtig sei zudem der Unterschied zwischen Einsamkeit und Alleinsein: "Selbst Menschen, die einen Partner und ein großes soziales Netzwerk haben, können Einsamkeit empfinden", sagt Timm. Dies bestätigt eine repräsentative Umfrage des Marktforschungsinstituts Splendid Research: Nur einer von fünf Befragten gab an, nie einsam zu sein. Oftmals fehle einsamen Menschen in ihrer sozialen Gruppe das Gefühl der Verbundenheit, erklärt Psychologin Timm. "Wenn zum Beispiel ein Student im ersten Semester einen großen Freundeskreis aufbaut, können das trotzdem nur sehr oberflächliche Beziehungen sein."

Warum sich jemand einsam fühlt, hängt laut Timm von verschiedenen inneren und äußeren Faktoren ab: "Misstrauische und schüchterne Menschen sind grundsätzlich stärker gefährdet, Einsamkeit zu empfinden, als offene und gesellige Personen." Aber auch Schicksalsschläge wie der Tod des Ehepartners oder ein Umzug könnten zu Einsamkeit führen.

Feiertage seien für einsame Menschen zudem eine besonders sensible Zeit, sagte Timm, da sie sehr nostalgisch seien. "Menschen ohne Familie oder mit wenigen Kontakten fühlen sich schnell ausgeschlossen und haben Hemmungen, sich zu verabreden." Inzwischen gebe es aber verschiedene Angebote, auch von den Kirchen: Die evangelische Kirche und die Telefonseelsorge wollen zum Beispiel Menschen mit der Social-Media-Aktion #keinerbleibtallein zusammenbringen. Wer Gemeinschaft sucht oder anbietet, kann sich bei der Initiative melden, der bereits 2016 gegründete Verein #keinerbleibtallein bringt dann Anbieter und Suchende zusammen.

"Silbernetz" für Senioren

Für Senioren in Berlin gibt es ein sogenanntes "Silbertelefon", das über die Feiertage rund um die Uhr und kostenfrei erreichbar ist. Hinter dem Angebot steckt "Silbernetz", ein Netzwerk für vereinsamte oder isoliert lebende Menschen. Auch der internationale Verein „Freunde alter Menschen“ organisiert Weihnachtsveranstaltungen und ist in Berlin, Hamburg und Köln aktiv. "Weihnachten ist außerdem eine gute Gelegenheit, einfach mit Plätzchen beim Nachbarn vorbeizuschauen", sagt Timm.

Einsamkeit sei aber nicht auf Feiertage beschränkt, sagt Timm. "Dieses Thema ist sehr wichtig, es wird aber leider kaum darüber gesprochen." Einsamen Menschen helfe es, mit anderen zu sprechen, die ebenfalls unter Einsamkeit leiden. Dafür gebe es zum Beispiel Therapiegruppen. "Alleinsein muss nicht zwingend etwas Negatives sein, man kann lernen, die Zeit mit sich selbst auch bewusst genießen."

Soziale Medien können laut Psychotherapeutin Timm ebenfalls helfen, Einsamkeit zu überwinden - besonders bei Menschen, die nur eingeschränkt mobil sind. "Online-Gespräche ersetzen keine realen Kontakte, aber es kann ein neues soziales Netzwerk aufgebaut werden." Einsame Menschen könnten sich zudem bei alten Freunden melden und so Kontakte wiederbeleben. Entscheidend für einsame Menschen sei, sich nicht abzukapseln. "Neben all den negativen Aspekten hat Einsamkeit auch etwas Gutes: Sie motiviert, auf andere zuzugehen."


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epd/ jsb/ tz

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