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Auf der Tour zurück ins Leben Halt in Erlangen

Friederike Kaup litt an Knochenkrebs und will, dass in jeder Universitätsstadt eine „Chemo-WG“ entsteht - 09.08.2013 19:00 Uhr

Friederike Kauper aus Koblenz ist mit ihrem Dreirad auf Deutschlandtour und auch in Erlangen: Sie initierte die 1. WG für junge Menschen, die eine Chemotherapie bekommen.

Friederike Kauper aus Koblenz ist mit ihrem Dreirad auf Deutschlandtour und auch in Erlangen: Sie initierte die 1. WG für junge Menschen, die eine Chemotherapie bekommen. © Eva Kettler


„Ich bin ein Glückskind“, sagt Friederike Kaup und meint damit: Sie hatte Knochenkrebs – einen seltenen, aggressiven Tumor im Oberschenkel – , und sie hat es überlebt. Die letzte Chemotherapie hat sie am 3. Januar diesen Jahres abgeschlossen. Momentan ist sie mit einem Liegedreirad in Deutschland unterwegs. „Meine Tour zurück ins Leben“, nennt sie ihre Radreise. Von Süden nach Norden will sie das Land durchfahren, 2000 Kilometer weit.

Dass das überhaupt geht, ist schon ein kleines Wunder. Nachdem das Osteosarkom im Dezember 2011 entdeckt worden war, hieß es zunächst, das Bein müsse amputiert werden. Dies war dann doch nicht der Fall. Aber noch vor einem Jahr sagten ihr die Ärzte, dass sie voraussichtlich nie mehr laufen könne. Und Fahrradfahren schon gar nicht. „Je öfter ich das hörte, desto gesünder wurde mein Trotz“, sagt die 26-Jährige und lacht.

Überhaupt lacht sie viel, während sie da in einem Erlanger Cafe sitzt und erzählt. Über die Krankheit, die sie vor zweieinhalb Jahren aus ihrem Studium der Soziologie, Städteplanung und Psychologie in Darmstadt herausgerissen hat, sagt sie Erstaunliches wie „ich denke, ich habe einen Schuss vor den Bug gebraucht“ oder „das war das Beste, was mir passieren konnte“.

„Für jede Klinik ein Gewinn“

Denn durch die Krankheit hat sie Dinge erfahren, mit denen sie sonst nicht in Berührung gekommen wäre. Ihre wichtigste Erkenntnis: Für junge Leute mit einer Krebserkrankung gibt es während der manchmal bis zu einem Jahr dauernden Chemotherapie keine Wohnmöglichkeiten unter Gleichaltrigen.

Betroffene müssen zurück ins Elternhaus ziehen, weil sie sich selbst nicht mehr versorgen können, weil sie nicht mehr jobben und sich dadurch ein Zimmer zum Beispiel in einem Studentenwohnheim leisten können oder weil sie wegen ihres angegriffenen Immunsystems in einer sterilen Umgebung leben müssen.

Oder sie müssen sich nach einem Platz im Altenheim oder Hospiz umschauen — so wie es einem jungen Mann empfohlen wurde, der die Rückzugsmöglichkeit zu den Eltern nicht hat, weil er verwaist ist. Ihn lernt Friederike Kaup in der Reha kennen.

Sie fasst endgültig den Entschluss, an der bestehenden Situation etwas zu ändern und eine „Chemo WG“ für junge Patienten während der ambulanten Chemotherapie zu gründen. Unterstützung erfährt sie vom Chef des Stiftungsklinikums Mittelrhein in Koblenz, von Ärzten, Psycho-Onkologen und der Krebsgesellschaft Koblenz .

„Im Oktober wird ein Verein gegründet, damit das Ganze einen rechtlichen Rahmen hat“, sagt Friederike Kaup. „Ich gehe davon aus, dass wir Mitte bis Ende 2014 in die konkrete Umsetzung gehen.“ Derzeit wird bereits nach einem geeigneten Haus gesucht, vier Zimmer für vier Patienten, einen Gemeinschaftsraum und zwei Zimmer für Besucher soll es haben.

„Eine derartige Einrichtung ist für jede Klinik ein Gewinn“, meint die Initiatorin. „Denn dann müssen sich die Patienten nicht zusätzlich zu ihren Todesängsten auch noch Sorgen um ihre zukünftige Wohnsituation machen.“

Auf Bauernhof leben

Bevor Friederike Kaup im Herbst ihr Studium wieder aufnimmt, will sie mit ihrer Radtour durch Deutschland ihre Beinmuskeln trainieren. Ein Teil davon ist nach der Operation unwiederbringlich verschwunden, die restliche Muskelsubstanz soll zum Ausgleich umso stärker werden, findet sie. Für ihre Diplomarbeit in Soziologie und Städteplanung schaut sie sich entlang der Strecke zwischen Sigmaringen und Lubmin an der Ostsee die unterschiedlichsten Wohnprojekte an, in Erlangen beispielsweise hat sie das Stadtquartier — ein Mehrgenerationenhaus — besucht. Der Titel ihrer Recherche lautet: Wie leben wir in Zukunft?

Eine Frage, auf die sie vielleicht bis zum Ende ihrer Radtour eine Antwort gefunden hat — falls das überhaupt möglich ist. Eines allerdings ist für sie, angesichts ihres eigenen Wohnprojekts, jetzt schon sonnenklar: Chemo-WGs wird es in Zukunft öfter geben. Sie selbst wird demnächst wieder im Studentenwohnheim leben — und irgendwann in der Zukunft auf einem Bauernhof. Visionen zu haben, ist ihre Stärke.

Mehr Infos zur Tour von Friederike Kaup finden Sie hier

EVA KETTLER

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