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Donnerstag, 13.12.2018

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Das Flehen des schuldigen Menschen

Grandiose biblische Oper: Gelungene Aufführung von Verdis „Messa da Requiem“ - 14.07.2016 18:57 Uhr

Das Solistenquartett verstärkt in seiner ausstrahlungsstarken Präsenz den Eindruck einer sakralen Oper: Die Junge Philharmonie Erlangen führt mit dem Philharmonischen Chor Nürnberg Verdis „Messa da Requiem“ auf. © Foto: Harald Hofmann


Mit einer durchgestalteten Interpretation, einer grandiosen biblischen Oper begeistern die Erlanger und Nürnberger ihr Publikum. Freilich sprengt dieser Ansatz die akustischen Möglichkeiten der Ladeshalle, egal. Mit einer hochdramtischen Version, atemlos, zügig, dramaturgisch überzeugend und präzise umgesetzt, gestaltet Gordian Teupke umsichtig und elegant, aufmerksam mit klaren Vorgaben und Einsätzen die „schönste Oper Verdis“.

Mystisch ist der Beginn, zügig der darauffolgende Hymnus. Als Gesangsschlacht und gewaltiges Inferno entfacht Teupke das „Dies irae“, das in ein weites, wunderbar sich öffnendes „Amen“ mündet. Nebenbei: Die Pause nach dem „Dies irae“ war — dramaturgisch betrachtet — unnötig, wenn nicht störend nach diesem Spannungsaufbau.

Der „Philharmonische Chor“ (seit 2014 auch unter der Leitung Gordian Teupkes) zeigt sich durchgängig sicher, klangvoll, unangestrengt, bestens mit Männer- und Sopranstimmen besetzt. Höhen, die Fortissimi, die Fugeneinsätze sind prägnant, werden mühelos gesungen. So lässt sich manche kompositorische Raffinesse aufregend in ihrer Durchsichtigkeit entdecken!

Akustische Umzingelung

Die „Junge Philharmonie Erlangen“ gibt sich selbstbewusst im erstmaligen großen instrumentalen Gegenpart zum Chor, ist konzentriert und dramatisch ausdrucksstark in Blech und Schlagwerk.

Die acht über die Halle verteilten Trompeten des „Tuba mirum“ hätten freilich noch selbstsicherer schmettern können. Der Gänsehauteffekt ist durch die akustische Umzingelung dennoch gegeben. Das Orchester charakterisiert gut, zeitigt im „Offertorio“ zögerliche Cellostimmen, wunderschöne Pianokultur am Ende, leuchtet mit luziden Flötenklängen im „Lux aeterna“. Das Solistenquartett verstärkt in seiner ausstrahlungsstarken Präsenz den Eindruck einer sakralen Oper.

Eine Entdeckung ist der koreanische Tenor Chulhyun Kim, der seine Partie durchweg mühelos mit strahlender Stimmführung meistert. Markus Simon ist — wie so oft — gestaltungsfreudig und souverän in seiner Basspartie. Mit angenehmer, luzider Klangfülle erfüllt Ruth Volpert den Mezzosopran. Die Sopranistin Tajana Raj beweist forcierte Eboli-Qualität, ist tonal nicht immer exakt, dynamisch wenig nuanciert. Den gefürchteten „Ewigkeitston“ des zweigestrichenen hohen B im vierfachen Piano (pppp) hält sie mit einem kräftigen Mezzoforte.

Mucksmäuschenstill ist es im Saal nach den letzten stammelnden Worten „Libera me“ des Chores. Da klingt weit mehr als das demütige, ängstliche Flehen des schuldigen Menschen im „Befreie mich vor dem ewigen Tod, mein Gott“ nach: Es ist die Katarsis, die Ergriffenheit und das befreite Aufatmen des Zuhörers nach Verdis grandiosem, theatralischer Vision des „Jüngsten Gerichts“ in dieser packenden, spannungsgeladenen Aufführung, in dieser großartigen musikalischen Inszenierung. Danach lang, lang anhaltender Beifall. Jubel. 

SABINE KREIMENDAHL

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