Montag, 24.09.2018

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Der Dreißigjährige Krieg fegte Erlangen menschenleer

Todesstoß setzte die kaiserliche-katholische Forchheimer Besatzung - 13.05.2018 14:55 Uhr

Die im späten 14. Jahrhundert im Bereich der heutigen Fuchsenwiese erbaute Veste wurde im Dreißigjährigen Krieg erheblich zerstört und danach hergerichtet und mit notdürftigen Wohngebäuden bestückt. Im Jahr 1784 riss man die Ruine dann ab. Der kolorierte Kupferstich stammt von 1724/30. © Darstellung im Erlanger Stadtlexikon Christoph Friedrich, Berthold Frhr. von Haller und Andreas Jakob.


Schon lange vor den schlimmsten Katastrophenjahren, die erst 1631 bis 1634 folgen sollten, sorgten 1621 erste Unruhestifter für Angst und Schrecken im evangelischen Landstädtchen. Unter ihnen fielen kurioserweise verwandte "Glaubenskämpfer" besonders unangenehm auf. Bei ihnen handelte es sich um marodierende Truppenteile von Ernst von Mansfeld, einem protestantischen Heerführer, der sich auf dem Rückzug von der Oberpfalz an den Rhein befand.

Als diese Soldaten vor die Stadt rückten, sah sich die heimische Bürgerschützen-Kompanie (aus der die heutige Hauptschützengesellschaft hervorging) zum Griff nach den Waffen veranlasst, um Hab und Gut zu verteidigen. Bei den Zusammenstößen soll der Bürgerwehr-Hauptmann erschossen worden sein.

Das große Kriegsunglück brach über Erlangen dann ab 1631 herein. Nach der gewonnenen Schlacht von Leipzig trieb der Schwedenkönig Gustav Adolf, der seit Juli 1630 auf evangelischer Seite mitkämpfte, die kaiserlich-katholischen Truppen nach Süddeutschland vor sich her. Deren Generalfeldmarschall Graf Gottfried Heinrich zu Pappenheim kam durch Erlangen und erzwang die Einquartierung von Fußtruppen. Nur sechs Tage später am 20. November 1631 stürmten weitere 600 Kaiserliche die Stadt.

Einigkeit über den Ablauf des Unglückstags

Der Stadtrichter Georg Schirmer sandte dem Markgrafen danach einen Katastrophenbericht zu. Dem Schulmeister, dem Forstbeamten und dem Stadtschreiber hatten die Plünderer die Kleider ausgezogen, dem Richter selbst eine Pistole in die Herzgegend gedrückt und den 65-jährigen Pfarrer Johann Heilig verletzt.

Zudem wurden Häuser und Kirche ausgeraubt, Betten der Bürger aufgeschlitzt und die Federn durch Fenster geschüttelt, das Mehl der Bäcker und des Essenbacher Müllers verstreut und darauf herumgetrampelt und das Getreide den Pferden zum Fraß vorgeworfen.

Den entscheidenden Todesstoß nach allem Hunger und Elend versetzte aber die kaiserliche-katholische Forchheimer Besatzung den Erlangern. Die Nachbarstadt war zur Festung des Fürstbistums Bamberg ausgebaut worden und hatte allen Angriffen und Belagerungen der Schweden und markgräflichen Stoßtrupps standgehalten. Diese Garnison war ein ständiger Gefahrenherd für die evangelischen Nachbarn geblieben.

Ein Denkmal für Lebensbeginn als Erlangen in einen eineinhalbjährigen todesähnlichen Schlaf versank. Dieser Taufstein von 1634 steht in der Martinsbühler Kirche. © Michael Müller


Der erste Schlag der Forchheimer "Kaiserlichen" gegen Erlangen erfolgte 1632. Unter Historikern ist strittig, ob dies Mitte Juni oder erst im August geschah. Einigkeit herrscht aber über den Ablauf des Unglückstags.

In einer späteren Stadtchronik (um 1778) des Geschichtsprofessors Johann Paul Reinhard heißt es unter anderem: "Der Obrist Schlätz (Johann Friedrich von Schletz) in Forchheim überfiel ...1632 Erlangen plötzlich, ließ viele Einwohner umbringen, andere mit ihrem Vieh und wenig Habseligkeit nach Forchheim führen, die Stadt aber sammt dem Schlosse (die frühere Veste) und der Kirche anzünden..."

Die Frauen hätten, "um der viechischen Geilheit der Kriegsknechte zu entgehen, ihre Zuflucht ins Pfarrhaus genommen". Verschiedene seien dort vergewaltigt und anschließend getötet worden. Pfarrer Heilig habe man niedergestochen. (Er erlag wenig später in Nürnberg seinen Verletzungen).

In den Wald geflohen

Nur 14 bis 16 Häuser seien übrig geblieben, so Reinhard; sie wurden "den 16ten August 1634 durch die forchheimische Besatzung vollends von Grund weggebrannt." Zum Schicksal der noch verbliebenen Bewohner schreibt der Chronist: "Sie lagen anfänglich unter freiem Himmel und mussten Hitze und Kälte ausstehen. Nach und nach bauten sie sich Hütten im Walde...".

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Auch in den heutigen Erlanger Vororten herrschte kaum noch Leben: Der Eltersdorfer Pfarrer Andreas Spiegel, der 1631 nach Nürnberg geflüchtet war, berichtet von einem Besuch Ende April 1635 in Eltersdorf, wo er nur noch "einen Mann, sechs Weibspersonen und acht Kinder" angetroffen habe. Drei Jahre später im November 1638 hielt er in Tennenlohe eine Predigt vor sieben verbliebenen Dorfbewohnern.

Der Klosterverwalter Justinus Mönius berichtete 1641 Markgraf Christian von Brandenburg-Bayreuth von einem fast zehnjährigen Leerstand in Frauenaurach und Kriegenbrunn. In Hüttendorf gab es 1641 nur noch einen Haushalt und 1643 gerade wieder einmal vier.

In die Stadt Erlangen selbst dürfte Anfang 1636 wieder Leben eingekehrt sein. Darauf lässt ein Bittgesuch an den Landesherrn auf Erlass von Steuern und Frondienst schließen. Im Jahr 1643 bewilligte der Markgraf Mittel für Ausbesserungsarbeiten an der erheblich beschädigten Veste. Auf der Burg richtete man notdürftige Wohnungen ein. Ein weiterer Schritt nach vorn war 1655 der Wiederaufbau der Altstädter Kirche. Damals wurde schon wieder die Zahl von 500 Einwohnern wie vor Kriegsbeginn erreicht, und mit der Ansiedlung der Hugenotten und weiterer Handwerker wuchs die Bevölkerung auf 2000 bis zum Jahr 1700. 

Das kann aber nicht die menschlichen Tragödien der Vorbewohner vergessen machen. Grobe Schätzungen gehen in Franken von einem Bevölkerungsverlust um mindestens ein Drittel aus. Längst nicht alle starben von Soldatenhand, viele fanden durch Hunger, Entkräftung und Seuchen den Tod. Allein in Forchheim erlagen in einem einzigen Jahr (1632) 578 Menschen der Pest. Am überfüllten Fluchtort Nürnberg sollen es laut der Bamberger Nonne und Zeitzeugin Maria Anna Junius sogar 29.000 von zirka 50.000 Bewohnern gewesen sein.

 

HEINZ GÖPFERT

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