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Dieter Hildebrandt kann offenbar doch etwas dafür

„Ich wollte schon immer einmal ins Markgrafentheater“ - 06.02.12

ERLANGEN  - Brandender Applaus für einen Großen des deutschen Kabaretts: Im ausverkauften Markgrafentheater stellte Dieter Hildebrandt sein aktuelles Programm „Ich kann doch auch nichts dafür“ vor (Kritik im Feuilleton des EN-Hauptteils). Die Erlanger Nachrichten sprachen vor seinem Auftritt mit dem Künstler.

Ironisch-bissig, schon etwas altersweise: Dieter Hildebrandt in der Garderobe.
Ironisch-bissig, schon etwas altersweise: Dieter Hildebrandt in der Garderobe.
Foto: H. Hofmann
Ironisch-bissig, schon etwas altersweise: Dieter Hildebrandt in der Garderobe.
Ironisch-bissig, schon etwas altersweise: Dieter Hildebrandt in der Garderobe.
Foto: H. Hofmann

Ausgelacht und ausgebuht: Der allererste Auftritt Hildebrandts auf der Bühne des Erlanger Markgrafentheaters geriet zum Fiasko. Als Mitglied eines zehnköpfigen Ensembles reiste der damals 24-jährige Student der Literatur- und Theaterwissenschaften 1951 aus München an, um bei den Internationalen Theaterwochen der Studiobühne sein Schauspielkönnen unter Beweis zu stellen. Man gab „Klage gegen Unbekannt“, ein experimentelles Stück von Georges Neveux. Der zu reklamierende Text des hoffnungsvollen Nachwuchsmimen bestand aus dem Satz „Huhn in Gelee“. Aus dem Parkett hagelte es Zwischenrufe und Gelächter, nicht allein wegen Hildebrandt, sondern als Reaktion auf das ganze Stück, und schlussendlich trauten sich nur vier Akteure zum Verbeugen vor den Vorhang, darunter Hildebrandt und ein gewisser August Everding. Heute kann Hildebrandt darüber lachen, „aber damals war das schon schlimm.“



Kennnengelernt hatte Hildebrandt Erlangen und das Markgrafentheater ein Jahr vor diesem Reinfall: 1950 kam er als Besucher zu den Internationalen Theaterwochen, deren guter Ruf bis nach München gedrungen war: „Wir reisten per Anhalter nach Erlangen und haben in einer Scheune auf einem Strohlager übernachtet.“ Junges, engagiertes Theater wurde in Erlangen geboten: Mindestens zwei bis drei Stücke habe man seinerzeit pro Tag gesehen, „aber es waren auch furchtbare Sachen dabei.“ Hildebrandts zweiter Auftritt im Barocktheater im Jahr 1956 war dann schon ungleich erfolgreicher: Der Applaus war groß für das Studentenkabarett, in dem er damals mitwirkte. Und auch später als Profi war Hildebrandt nahezu jedes Jahr zu Gast in Erlangen: „Ich wollte immer in dieses Theater hier.“

Drei Monate intensive Schreibarbeit stecken im aktuellen Programm, mit dem der Künstler derzeit durch die Theater und Kleinkunsttempel der Republik tourt. München, Hamburg, Karlsruhe, Mainz, Heilbronn, Berlin, Bremen, Braunschweig, Lüneburg und so fort – ein mehr als erstaunliches Pensum für einen Mann, der im Mai 85 Jahre alt wird: „Es ist eine Frage der Konstitution und des Temperaments, auch eine Frage des sich Zutrauens. Im Kabarett habe ich als Bürger die Chance, mich zu äußern, und ich bin sehr dankbar dafür, dieses Angebot wahrnehmen zu können. Sonst“, sagt Hildebrandt verschmitzt, „müsste ich ja eine Demo machen.“

Auch wenn sein Publikum natürlich mitaltere, entdecke er immer wieder unter den Besuchern „Splittergruppen von Jugendlichen“, die neugierig ins Theater kämen. Freilich hege man als Kabarettist „permanente Zweifel“, nicht alles genau zu treffen, die Voraussetzung für eine Pointe nicht geschaffen zu haben, „aber das Publikum hilft dabei“. Dessen Urteil und das von Freunden und Kollegen wie Werner Schneyder und Georg Schramm sind eh allein entscheidend für Dieter Hildebrandt: „Vieles, was Kritiker schreiben, glaube ich nicht.“ Jüngstes Beispiel seien die Rezensionen zum neuen Helmut-Dietl-Film „Zettl“ (Hildebrandt nimmt darin die Rolle des Fotografen Herbie Fried wieder auf, die er schon in Dietls Kultserie „Kir Royal“ verkörpert hatte): Hier werde im Vorfeld ein Film vernichtet, von Kritikern, die wegen unterlaufener Erwartungshaltungen persönlich enttäuscht seien. „Und dabei hat der Film echte Dietl-Qualität.“

Selbstredend aktualisiert Dieter Hildebrandt sein Programm permanent, baut neue Entwicklungen mit ein. Kabarettistisch verarbeiten könne man alles, nur eines bringe ihn wirklich auf die Palme, „und das muss auch auf der Bühne geradeheraus gesagt werden: Dass Menschen im Jahr 2012 noch mit Hakenkreuz durch die Straßen marschieren und man sie einfach so laufen lässt, während die Gegen-Demonstranten weggetragen und bestraft werden, ist eine Unglaublichkeit.“

Bald 85 Jahre alt und noch voller Emphase — ohne Freude und Spaß gehe nichts voran, aber wenn die Mitteilung vom Publikum käme, dass es genug sei, dann sei es auch genug: „Auf diesen Tag muss man sich gefasst machen.“ Zum Abschluss des Gesprächs will der bekennende Fußballfan und Anhänger von 1860 München noch wissen, wer wohl in diesem Jahr aus der ersten Bundesliga absteigt. Und er, der – Stichwort „Club“ — noch Max Morlock und Max Merkel persönlich kannte, gibt sich gleich selbst die Antwort: „Die Freiburger betteln ja förmlich darum, Augsburg wackelt auch kräftig, und der Club wird wie immer in die Relegation gehen müssen.“ 



MANFRED KOCH

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