Montag, 19.11.2018

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Eckental: Weltweites Interesse am Projekt zu jüdischen Grabsteinen

Zahlreiche Forther sind in Schnaittach beerdigt — Ausstellung mit Fotografien von Christian Schuster wurde im Eckentaler Rathaus eröffnet - 08.11.2018 18:00 Uhr

War auch in Eckental und Ermreuth mit der Kamera unterwegs: Christian Schuster. © Scott Johnston


Beim Festakt im großen Sitzungssaal des Rathauses berichteten die Organisatoren auch über den aktuellen Stand des Projekts zum "Medinat Oschpah". Dies ist die jüdische Bezeichnung für den Verband der Orte Forth, Ottensoos, Schnaittach und Hüttenbach.

Einwohner, die in diesen Orten jüdischen Glaubens waren, bildeten eine religiöse Gemeinschaft, die von einem Rabbiner betreut wurde. Ihre Gräber befinden sich auf insgesamt drei Friedhöfen, die alle in Schnaittach liegen.

1537 wird der erste von ihnen erwähnt. Als dieser belegt war, erwarb die Gemeinschaft 1834 einen Acker, um einen neuen Friedhof anzulegen. Der dritte folgte 1897.

Im Dritten Reich wurden die Friedhöfe schwer geschändet. Nationalsozialisten warfen im Oktober 1933 acht Grabmale um. Während des Zweiten Weltkriegs wurde ein großer Teil der Grabsteine dann verschleppt oder zerschlagen und als Baumaterial verkauft.

Mit dem Leader-Projekt, das die Europäische Union fördert, soll dieses wichtige Stück Kultur- und Religionsgeschichte, das die Friedhöfe darstellen, erhalten bleiben. Einige der verschleppten Grabsteine konnten mittlerweile zurückgebracht werden.

Mitarbeiter des "Salomon Ludwig Steinheim Instituts" der Universität Duisburg-Essen um Professor Michael Brocke entziffern momentan die Grabinschriften. Sie werden anschließend in die Datenbank "epidat" aufgenommen, die sich über die Homepage www.steinheim-institut.de aufrufen lässt.

Wie Birgit Kroder-Gumann, die Initiatorin des Leader-Projekts, informierte, sind bereits 140 Grabdenkmäller in dieser Datenbank erfasst, was weltweit auf Interesse stößt. Jüdische Familien in Israel, aber auch in den USA erfuhren auf diese Weise von Vorfahren, die in unserer Region lebten.

Unter anderem aus Jerusalem und New York reisten bereits Familienmitglieder nach Schnaittach, um die Friedhöfe zu besuchen. Dabei entdeckten sie auch verwandtschaftliche Beziehungen, von denen sie bislang nicht wussten.

Professionelle Reinigung

Im Zuge der Dokumentation werden die Inschriften professionell gereinigt. Die Grabsteine sind nicht nur vielfach mit Moos überwachsen, sondern auch durch den sauren Regen angegriffen. "Es wäre daher wünschenswert, wenn die Steine konserviert werden könnten", so Birgit Kroder-Gumann.

Auf den Friedhöfen sind auch die Gräber von 20 Forther Familien zu finden. Die Federführung des Leader-Projekts hat der Markt Schnaittach. Mit 60 000 Euro sind die Gesamtkosten veranschlagt, wovon die EU 50 Prozent übernehmen will. Auf Spenden wird ebenfalls gehofft. Den Rest tragen die Kommunen.

Zusammen mit dem Bayerischen Rundfunk sowie den Volkshochschulen Unteres Pegnitztal und Eckental entstehen außerdem Hörpfade. Drei sind inzwischen fertig gestellt.

Wer auf die Internetseite www.klingende-landkarte.de geht, muss auf der Karte nur das runde Feld für Schnaittach anklicken, um auf sie zuzugreifen. Die Audiodateien sind sehr abwechslungsreich gestaltet und geben sowohl über die Gräber als auch die jüdische Geschichte in unserem Gebiet Auskunft.

Michaela Moritz erarbeitet zusammen mit der Historikerin und Lehrerin Dr. Martina Switalski derzeit Hörpfade für Forth, was von der Eckentaler VHS um Leiterin Julia Schuster unterstützt wird. Forther Schüler verfassen und sprechen die Texte.

"Die Kinder sich hochmotiviert und haben sich jede Menge einfallen lassen, damit die Darbietung nie langweilig wird", freute sich Michaela Moritz bei dem Festakt. Es ist geplant, dass die Hörpfade außer über das Internet auch an drei Stellen in Forth abgerufen werden können: vor dem Büger Schloss, am Platz der ehemaligen Synagoge und vor dem Schnaittacher Haus an der Hauptstraße.

Aufschlussreiche Details

Der Nürnberger Fotograf Christian Schuster hat "Jüdische Spuren in Franken" mit der Kamera festgehalten. Neben Ansbach und Fürth war er hierzu auch in Eckental, Ermreuth und Schnaittach unterwegs.

Beeindruckend ist sein scharfer Blick, mit dem er interessante Details aufspürt: Verzierungen auf Vorhängen oder Säulen, die schlichte Schönheit von Leuchtern oder pastellfarbene Flechten auf den Grabsteinen. Kunstvoll hat er beim Blick in ein jüdisches Ritualbad, Mikwe genannt, Farbeffekte eingesetzt.

Die Bilder können bis Ende des Jahres im Eckentaler Rathaus zu den üblichen Öffnungszeiten besichtigt werden: montags bis freitags von 8 bis 12 Uhr, dienstags zusätzlich von 14 bis 18 Uhr.

Die Pianistin Alina Serchenya, die aus Weißrussland kommt und seit 2016 in Eckental lebt, bereicherte die Vernissage mit Werken von Komponisten jüdischer Herkunft wie Felix Mendelssohn-Bartholdy, George Gershwin oder Paul Simon. SCOTT JOHNSTON 

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