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Ein Kopftuch als Einstellungshindernis?

Diskussion im Rathaus lenkte Blick auf ein Problem, das in Chefetagen kaum bekannt ist - 18.02.12

ERLANGEN  - Haben es Frauen, die Kopftuch tragen, schwerer eine Stelle zu finden als jene, die keines tragen? Und werden Kopftuchträgerinnen an ihrem Arbeitsplatz diskriminiert? Diesen Fragen ist man bei einer Diskussion des Freundeskreises der muslimischen Gemeinden in Erlangen nachgegangen.

Am Kopftuch der Musliminnen scheiden sich die Geister.
Am Kopftuch der Musliminnen scheiden sich die Geister.
Foto: Jens Kalaene/dpa
Am Kopftuch der Musliminnen scheiden sich die Geister.
Am Kopftuch der Musliminnen scheiden sich die Geister.
Foto: Jens Kalaene/dpa

Birgit Muhammad ist die Verzweiflung anzumerken. „Ich werde immer wieder von Frauen angesprochen, die berichten, sie fänden keinen Arbeitsplatz, und die vermuten, das liege an ihrem Kopftuch“, schildert die Dozentin für Deutsch als Fremdsprache. „Wir als Deutschlehrer wissen auch nicht, was wir den Frauen raten sollen und an wen sie sich wenden können.“

Kürzlich habe sie zum Beispiel eine Türkin angesprochen, die sich in einer Großküche beworben hatte und abgelehnt worden sei. Auf Nachfrage Muhammads habe das betroffene Unternehmen mitgeteilt, die Frau habe darauf bestanden, ihr geblümtes Kopftuch bei der Arbeit zu tragen, dabei müsse sie in der Küche ein weißes aufsetzen. „Da steht dann Aussage gegen Aussage“, resümiert die Bildungsbeauftragte der Islamischen Gemeinde in Erlangen.



In ihren Kursen erlebe sie zwei Gruppen von Frauen, die mit derartigen Problemen zu tun hätten: Die einen seien in Deutschland aufgewachsen und hätten den Gedanken, aufgrund ihres Kopftuches keine Stelle zu bekommen, schon so verinnerlicht, dass sie es oft gar nicht mehr versuchten. Die anderen seien erst vor wenigen Monaten mit ihren Ehemännern eingewandert, die meist bei großen Firmen tätig seien. Für diese Frauen sei es oft noch schwieriger, einen Arbeitsplatz zu finden, schildert Muhammad. Schließlich bekämen sie in ihren ersten beiden Jahren in Deutschland weder eine Arbeitserlaubnis noch Unterstützung vom Arbeitsamt. „Da liegt eine Menge Potenzial brach.“

Die zwei Arbeitgebervertreter, der Gewerkschaftler und die Leiterin der Agentur für Arbeit Erlangen, die das Podium besetzen, konstatieren derweil übereinstimmend, von solchen Schwierigkeiten noch nie gehört zu haben. „Das Thema ist bei uns überhaupt nicht präsent“, erklärt etwa Siegrid Katholing, die der hiesigen Arbeitsagentur vorsteht.

Auch Personalchef Peter-Roman Mayer, der in der Betriebsleitung der Siemens AG sitzt, sind keine Beschwerden wegen der Diskriminierung von Kopftuchträgerinnen bekannt. Vielmehr arbeiteten bei dem Weltkonzern allein in Erlangen Menschen aus 75 Nationen.

Personalreferent Thomas Ternes, der bei der Stadt Erlangen für 2400 Mitarbeiter zuständig ist, unterstreicht: „Bei uns ist das Kopftuch noch kein Thema, was – befürchte ich – daran liegt, dass wir noch nicht als Arbeitgeber bei Menschen aller Nationalitäten angekommen sind.“ Spontanen Zuspruch aus dem Publikum erfährt SPD-Stadträtin Birgit Hartwig, die vorsichtig mutmaßt: „Vielleicht kommt das bei Ihnen auch nicht so an.“ Eine Zuhörerin wird deutlicher: „Ich glaube, wir leben in zwei verschiedenen Welten.“ Ihrer Tochter sei beispielsweise von vorneherein klar gewesen, dass sie es mit einem Jura- oder Lehramtsstudium nicht zu versuchen brauche, schließlich könne sie in diesen Berufen später kein Kopftuch tragen.

Eine Frauenärztin berichtet indes von zwei Kopftuch tragenden Kolleginnen, die große Probleme hatten, eine Stelle zu finden. Die eine sei nach ihrer Facharztausbildung über ein Jahr arbeitslos gewesen, die andere mittlerweile nach Australien ausgewandert. „Da geht ganz viel Potenzial verloren“, kritisiert die Medizinerin und erntet reichlich Zustimmung. Während Katholing an alle beruflich erfolgreichen Menschen mit Migrationshintergrund appelliert, anderen Mut zu machen, empfiehlt Ternes Bewerberinnen mit Kopftuch, selbst zu thematisieren, warum sie ihr Haar bedecken. „Denn das wird auch später im Beruf Thema sein.“

Frage des Selbstbewusstseins

Mehrfach kommt in der von Bürgermeisterin Elisabeth Preuß moderierten Diskussion noch ein anderer Aspekt zur Sprache: Viele Kopftuchträgerinnen träten sehr unsicher auf. „Manche Frauen fühlen sich schon unwohl, wenn sie in den Bus einsteigen, weil sie da komisch angeschaut werden“, berichtet Hülya Ersoy, die bei der Arbeiterwohlfahrt Menschen mit Migrationshintergrund berät und dort häufig mit Frauen zu tun hat, die sich aufgrund ihres Kopftuchs bei der Arbeit und Jobsuche diskriminiert wähnen.

Gegen Ende der zweistündigen Veranstaltung zieht eine Teilnehmerin eine klare Bilanz: Einerseits gebe es noch zu wenige Frauen mit Kopftuch in Führungspositionen, andererseits transportierten die Medien teils schiefe Bilder von Kopftuch tragenden Frauen und zeigten sie oft im Zusammenhang mit sozialen Brennpunkten und als Putzfrauen. Zu verzweifeln gelte es deshalb aber nicht: „Wenn man sich entschließt, Kopftuch zu tragen, muss man es offensiv tun.“ 



ASTRID LÖFFLER

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