Dienstag, 11.12.2018

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Ein schonungsloser Blick auf das „Massengrab Mittelmeer“

Ausstellung von Amnesty International in der Stadtbibliothek — „Schlimmste Flüchtlingskrise seit dem Zweiten Weltkrieg“ - 31.07.2015 17:41 Uhr

Mit Schaubildern und Texten erinnert die Ausstellung an die vielen Flüchtlingstragödien in der letzten Jahren. © Foto: Egbert M. Reinhold


Die Zahlen, die Kornelia Gallwas, die Sprecherin der Erlanger Gruppe von Amnesty International (ai) nennt, sind erschreckend. 23 000 Menschen seien seit dem Jahr 2000 auf der Flucht über das Mittelmeer gestorben. Sie sind ertrunken oder verdurstet bei dem Versuch, Krieg, Folter, politischer Verfolgung oder der Armut zu entkommen. Im „Massengrab Mittelmeer“, wie es Amnesty International formuliert. „Wir werden zurzeit Zeuge der schlimmsten Flüchtlingskrise seit dem Zweiten Weltkrieg“, sagt Gallwas bei der Vernissage im Bürgersaal in der Stadtbibliothek. Das Schicksal von Bootsflüchtlingen steht im Mittelpunkt der ai-Ausstellung.

Die Ausstellung hat einen provozierenden Titel gewählt: „Ist das Boot voll?“, lautet die Frage. Bei der Eröffnung gibt Bürgermeisterin Elisabeth Preuß eine klare Antwort: „In Erlangen leben derzeit knapp 1000 Flüchtlinge, die 500 in der Erstaufnahme in der Rathenaustraße eingeschlossen. Das ist immer noch weniger als ein Prozent der Bevölkerung.“ Die Versorgung und Integration „sollte uns daher eigentlich nicht vor unlösbare Aufgaben stellen.“ Auch die ai-Sprecherin sagt: „Nein, das Boot ist nicht voll“. Gemessen an der Einwohnerzahl liege Deutschland bei der Aufnahme von Flüchtlingen im Vergleich mit anderen europäischen Ländern an siebter Stelle, sagt Gallwas, die sich auch gegen die Schnellverfahren ausspricht, die nun für Asylanträge von Menschen aus Balkanstaaten gelten.

Alexander Thal, Sprecher des Bayerischen Flüchtlingsrates und ebenfalls Gast bei der Eröffnung, bekräftigt diesen Aspekt: „Wir fordern die bayerische Staatsregierung auf, Balkan-Flüchtlinge im normalen Asylverfahren zu belassen“. Thal thematisiert das erste Sonderlager bundesweit, das die Staatsregierung für 1500 Balkanflüchtlinge eröffnen will. Als Standort sei Oberstimm bei Ingolstadt, eine ehemalige Bundeswehrkaserne, ausgewählt worden. Die Kasernierung in einem Sonderlager mit Abschiebeflughafen diene nur dazu, Flüchtlinge zu isolieren, in der Ausübung ihrer Rechte zu behindern und in Schnellverfahren abzuschieben. Auch für ihn ist das „Boot nicht voll“. Thal hebt dabei die große Bereitschaft der Bevölkerung hervor, Flüchtlinge zu unterstützen — „trotz der CSU-Hetze“, sagt er. 

rak

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