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Eis vom Weiher kühlte einst das Bier in Brand

Anfang des 20. Jahrhunderts Quader aus dem Brander Teich geschlagen — Seit 1965 brauereilos - 05.11.2017 15:30 Uhr

Der Brander Weiher ist heute ein beliebtes Ziel für die Naherholung, einmal im Jahr gibt es auch ein Fest am Weiher. Und wenn der Winter kalt genug ist, sausen Kinder auf Schlittschuhen auf dem Eis herum. © Fotos: Sammlung Bajus


Im Gegensatz zu 1965, als in Brand zum letzten Mal Bier gebraut wurde, standen die Zeichen anno 1900 auf Expansion. Michael Gottschalk hatte schon als junger Bub seinem Vater Konrad immer wieder über die Schulter geschaut und eifrig in der Brauerei der Familie mitgeholfen.

Ungeduldig beobachtete er als Lehrling, wie die Maische angesetzt, der Sud geläutert und die Hefe zugegeben wurde. Bei seinen Vorschlägen zur Verbesserung und Modernisierung des Prozesses vertröstete ihn jedoch der Vater stets mit den Worten: "Michael, wenn du einmal die Brauerei übernimmst, darfst du all deine Ideen verwirklichen."

1888 war es dann soweit: Nachdem der Junior das Diplom als Braumeister erhalten hatte, übertrug ihm seine Mutter die Führung der Brander Brauerei. Drei Jahre zuvor war Vater Konrad Gottschalk gestorben. Um sich ganz auf die Bierherstellung zu konzentrieren, beschloss der Jungunternehmer, die Brauerei-Gaststätte "Zum schwarzen Adler" auszugliedern und zu verpachten. Zwei Jahre später baute er auf dem Gelände der gegenüber liegenden Schmiede ein neues Wirtshaus, das das alte ersetzte.

Durch diese Verlagerung war nun genügend Raum für tiefere und größere Kelleranlagen, die Michael Gottschalk für notwendig erachtete. 200 Jahre lang hatte der Oberschöllenbacher Felsenkeller der Lagerung des Brander Bieres gedient.

Die Brauerei in Brand schloss Mitte der 1960er Jahre ihre Pforten. Seither müssen die Brander das Bier importieren.


Zum Kühlen der neuen Keller reichte das Eis, das im Winter aus der Umgebung angeliefert wurde, in den heißen Sommermonaten freilich nicht mehr aus. Michael Gottschalk inspizierte deshalb Anfang des 20. Jahrhunderts die Gegend, um einen künstlichen Weiher anzulegen.

Gar nicht so weit entfernt von der Brauerei existierte bereits ein natürlicher Teich, in dem sich aufgrund des lehmigen Bodens das Wasser eines Einzugsgebiets von etwa 8,5 Hektar sammelte. Durch den Weg nach Unterschöllenbach, der daran vorbei führte, war die Lage auch für den Transport ideal.

Mit dem damaligen Brander Bürgermeister Johann Gleiß, dem Bauer vom Kaiserhof, pflegte Gottschalk ohnehin eine enge Freundschaft. Also lud er ihn — versteht sich — auf ein Glas Bier ein und besprach das Vorhaben.

Geschäftstüchtig wie er war, plante der Brander Brauer, nicht nur im Winter Eis zur Kühlung zu gewinnen, sondern im Sommer auch Fische in dem Weiher zu züchten, um sie an die heimischen Wirte zu verkaufen. Nach einem zweiten Gläschen Bier einigte sich Gottschalk mit Bürgermeister Gleiß darauf, das Gelände von der Gemeinde für 15 Jahre zu pachten.

Das ausgehobene Becken war 112 Meter lang und 56 Meter breit. Im November 1902 lief es voll und im Januar 1903 konnte aufgrund der bitteren Kälte bereits das erste Eis geerntet werden.

Diese Arbeit, bei der viele Brander mithalfen und sich ein Zubrot während der kargen Monate verdienten, war sehr hart. Mit einer Spitzhacke schlugen die Männer zunächst in kurzen Abständen kleine Löcher in das Eis, damit es leichter in Blöcke zerteilt werden konnte, bevor diese mit großen Zangen an Land gezogen und auf Pferdefuhrwerke geladen wurden.

In einem extra Eiskeller, der aus mehreren Kammern bestand, zerkleinerten die Mitarbeiter in der Brauerei die Quader mit Holzschlegeln und schichteten das Eis bis zur Decke. Zusätzlich besprühten sie es mit Wasser, so dass kaum Luft im Keller blieb. Zum Schluss mauerten sie die Einwurfschächte zu. Auf diese Weise herrschte im angrenzenden Lagerraum für das Bier auch während des Sommers eine gleichbleibend niedrige Temperatur.

Bis in die 1950er Jahre karrten die Arbeiter Eis vom Weiher zum "scharfen Eck", wo die Brauerei stand. Die Karpfenzucht wurde auch nach der Schließung der Braustätte noch weiterbetrieben. Seit Mitte der 60er Jahre müssen die Brander das Bier importieren. Den Weiher möchten sie auf keinen Fall missen. Im Winter, wenn der Klimawandel es zulässt, kurven sie mit Schlittschuhen über die Eisfläche und wetteifern miteinander beim Eisstockschießen. SCOTT JOHNSTON 

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