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Erlangen: "An Gymnasien gibt es eine Gehirnwäsche"

IHK-Experte kritisiert, dass Lehrer Schüler zu oft zum Studium drängen - 22.02.2016 06:00 Uhr

Beim Berufsinformationstag präsentierten sich in Erlangen zahlreiche Firmen, darunter der Industrie-Konzern Areva. Auch der technische Bildungsberater der IHK, Bernd Hirschberger (rechts), konnte viele Fragen zum Thema beantworten.

Beim Berufsinformationstag präsentierten sich in Erlangen zahlreiche Firmen, darunter der Industrie-Konzern Areva. Auch der technische Bildungsberater der IHK, Bernd Hirschberger (rechts), konnte viele Fragen zum Thema beantworten. © Harald Hofmann


Der Termin hätte nicht passender sein können: Am Freitag gab es in Bayern Zwischenzeugnisse - und am Samstagmorgen strömen mehr als 1000 Gymnasiasten sowie Fachober- und Berufsoberschüler in die Berufliche Oberschule an der Drausnickstraße. Darunter Henriette H. (16) und Clara B. (15).

In Deutsch und Musik sei sie ganz gut, sagt Henriette, aber ob sie nach dem Abitur studieren oder eine Ausbildung machen möchte, weiß sie noch nicht. Daher hört sich die Zehntklässlerin des Christian-Ernst-Gymnasiums mit ihrer Freundin und Mitschülerin Clara beim Erlanger Berufsinformationstag (EBIT), den die drei Rotary Clubs veranstalten, um. Die medizinischen Berufsfelder interessieren sie besonders. Auch Clara, die vor allem in Englisch, Sport und Musik gute Noten hat, denkt über eine Arbeit im Gesundheitswesen nach. "Konkrete Vorstellungen habe ich nicht", sagt sie, "aber wahrscheinlich werde ich schon eher studieren."

Zu wenig praxisbezogen?

Dieses "schon eher studieren" denken sich viele nach dem Abitur - und etliche merken erst dann, dass das für sie doch nicht das Richtige ist. An einem Info-Stand der Siemens-Betriebskasse (SBK) werben beispielsweise Nina Albrecht (23) und Belinda Weich (20) für eine Lehre. Die zwei jungen Frauen machen beide seit vergangenem August eine Ausbildung zur Sozialversicherungsangestellten - nachdem sie zuvor ein Studium begonnen und abgebrochen hatten.

Belinda Weich und Nina Albrecht (rechts) sind froh, dass sie nach ein paar Semestern an der Universität jetzt eine Ausbildung bei der SBK in Erlangen machen.

Belinda Weich und Nina Albrecht (rechts) sind froh, dass sie nach ein paar Semestern an der Universität jetzt eine Ausbildung bei der SBK in Erlangen machen. © Harald Hofmann


Nina Albrecht hatte sich an der Friedrich-Alexander-Universität (FAU) drei Semester lang für Deutsch und Geschichte im Lehramt an Realschulen eingeschrieben. "Das Studium war an sich sehr schön, aber ich wollte selbst etwas machen."

Für Belinda Weich ging es an der Universität ebenfalls zu wenig praxisbezogen zu. Ein Semester lang hat sie in Jena Wirtschaftspädagogik studiert: "Da war aber nur alles auf Theorie aufgebaut." Zudem habe sie sich im Studium allein gelassen gefühlt und auch nicht wirklich gewusst, was sie danach machen sollte.

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Abi - und was dann? Dieser Frage stellen sich viele Absolventen. Die drei Erlanger Rotary Clubs veranstalten daher schon seit 19 Jahre für Gymnasien, Mittel- und Realschulen einen Informationstag zum Thema Beruf und Ausbildung.


Weshalb hat sie dann überhaupt studiert? "Nun ja", antwortet sie, "am Gymnasium wird einem oft der Eindruck vermittelt, wenn man schon Abitur hat, dann muss man doch im Anschluss auch an die Uni".

Nun, da sie bei der SBK eine Ausbildung macht, erkennt sie, dass genau das Gegenteil der Fall ist. Sie mache jetzt erst eine Lehre zu Ende und dann könne sie ja, falls sie möchte, immer noch studieren. "Wir sind im Team völlig integriert und das macht großen Spaß", erzählt Belinda Weich.

Gute Bezahlung

Auch Nina Albrecht ist froh, den Schritt für etwas Neues gewagt zu haben: "Die Arbeit ist wahnsinnig abwechslungsreich; ich habe immer mit Menschen zu tun, denen ich helfen kann - das ist genau das, was mir liegt." Und das Salär, das sie womöglich irgendwann einmal verdient hätte? "Ich bekomme später wohl nicht wesentlich weniger als ein Lehrer; das Grundgehalt ist schon jetzt in der Ausbildung recht gut."

Dominic Lamprecht hingegen wird durch seinen Entschluss, noch eine Lehre zu machen, künftig wohl weniger verdienen. Aber das macht dem angehenden Physiotherapeuten nichts aus: „So wirtschaftlich orientiert bin ich nicht“, betont der 27-Jährige. Wäre er das, dann würde er als Betriebswirt arbeiten.

Denn vor seiner jetzigen Ausbildung hat er in Nürnberg einen Bachelor in Betriebswirtschaftslehre gemacht. Bald absolviert er sein Examen zum Physiotherapeuten - und ist mit der Berufswahl glücklich. "Damit mache ich zu 100 Prozent das, was ich machen will." Klar sei das nicht der bestbezahlte Job, gibt er zu. Das stört ihn aber nicht groß. "Ich habe mit Menschen zu tun und kann helfen; das ist wirklich wichtig".

Natürlich seien seine Eltern nicht begeistert davon gewesen, dass er nach dem Studium etwas anderes machen wollte. Und auch ihm wäre es lieber gewesen, er hätte gleich eine Ausbildung begonnen. Aber auch alle seine Freunde seien an eine Hochschule gegangen, berichtet er, "weil man das nach dem Abi halt so macht."

IHK sieht mehr Abbrecher

Diese Einstellung kommt Bernd Hirschberger vom Geschäftsbereich Berufsbildung bei der Industrie- und Handelskammer (IHK) Nürnberg für Mittelfranken bekannt vor. Immer öfter hat es der Technische Bildungsberater mit Studienabbrechern zu tun. "Wenn diese dann resigniert zu uns kommen, weil sie sich als Versager fühlen, bauen wir sie auf und helfen ihnen bei der Orientierung".

Die gut ausgebildeten Frauen und Männer aber könnten sich den Umweg über ein (abgebrochenes) Studium oft ersparen, meint er: Wenn Gymnasiallehrer ("die haben bis auf ihre Ferienjobs keinen Einblick auf die praktische Berufswelt") sie nicht zum Studium drängen würden. "Du willst eine Ausbildung machen? Du kannst doch studieren", würden Umfeld und Lehrer meist sagen, kritisiert Hirschberger. "Da findet in den Gymnasien eine Gehirnwäsche statt." 

Sharon Chaffin

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