Montag, 25.03.2019

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Erlangen: Bau des Gemeindezentrums verzögert sich

Anhaltende Grabungsarbeiten sind mit ein Grund - 24.02.2017 12:00 Uhr

Immer neue Knochen in immer neuen Grabungsschichten finden sich auf dem Friedhof neben der Kirche. © Harald Sippel


Die jetzt frei gelegten Schädelknochen werden nicht mehr ausgegraben, sondern zugeschüttet. © privat


Zwar hatten sowohl der Bauherr – die evangelische Gesamtkirchengemeinde Erlangens – als auch die Pfarrei St. Peter und Paul in Bruck nach der Umbettung der Verstorbenen in offen sichtbaren Grabstätten damit gerechnet, an diesem Standort zügig das neue Gemeindezentrum bauen zu können, doch kam es danach zu weiteren Knochenfunden, die möglicherweise bis in die Gründungszeit der Kirchengemeinde hineinreichen und einer archäologischen Würdigung bedürfen.

Für die Kirchengemeinde wie für die evangelische Gesamtkirchengemeinde ist dies keine gute Nachricht, verzögern sich doch dadurch die Bauarbeiten stark, "was leider mit einer nicht unerheblichen Kostenmehrung verbunden ist", wie Andreas Heger, Diakon und Geschäftsführer der Gesamtkirchenverwaltung bedauert.

Bereits bei einer ersten Inaugenscheinnahme des problematischen Baugrunds im Herbst hatte sich Gemeindepfarrer Heinz Bäßler verwundert gezeigt: "Eigentlich hätte sich hier nichts mehr finden lassen dürfen", so seine Meinung, schließlich sei der Friedhof schon zwischen 1822 und 1824 verlegt worden. Dass nun ältere Gräber in tieferen Erdschichten gefunden wurden, habe alle überrascht.

Nachdem das Bayerische Landesamt für Denkmalpflege die Einschaltung eines Archäologenteams veranlasst hatte, wurde begonnen, das Gelände zu prospektieren. Der beauftragte Archäologie-Service Franken, eine Firma des erfahrenen Paläontologen Ulf Steguweit – er war wissenschaftlicher Assistent an der Universität Erlangen-Nürnberg und hat für diese etliche Grabungsarbeitern in Osteuropa durchgeführt – hatte die Grabungsarbeiten mit der Erwartung begonnen, innerhalb von acht Wochen Zeit fertig zu werden. Nachdem aber immer mehr und immer ältere Funde gemacht werden, ist an die Einstellung der Arbeiten nicht zu denken.

Hatte man in der Anfangsphase der Grabungsarbeiten acht Erwachsenen- und sieben Kinderskelette gefunden, sind es, nachdem die Grabungsarbeiten am 1. Februar wieder aufgenommen wurden, 90 vollständige Skelette geworden sowie Knochen von über 300 weiteren Bestatteten.

Dass auch das Landesamt für Denkmalpflege (LfD) "kalt erwischt" wurde, ist nicht ganz auszuschließen. Allerdings sagt Martin Nadler, stellvertretender Referatsleiter der Dienststelle Nürnberg im LfD, dass er mit einem baldigen Abschluss der Grabungsarbeiten rechne. Der Auftrag des Denkmalschutzes reiche lediglich bis dorthin, wo die Bauvorbereitungen Ausgrabungen nötig machten – Vermutungen über weitere Funde in tieferen Schichten seien kein Grund für das LfD, mehr zu fordern.

Dass es neben den Skeletten Funde wie Grabbeigaben gab, die Aufschluss über die Brucker Geschichte bis ins frühe Mittelalter geben könnten, macht Sarah Wolff, die Grabungsleiterin des Archäologen-Teams deutlich. Neben Knochen mit gut erhaltenen Kiefern und Zähnen fanden sich nämlich auch Münzen, Keramiken, etliche Bestattungsgefäße mit dazugehörigen Eisennägeln und andere Grabbeigaben. "Das verrät uns viel über die Bevölkerung von damals." sagte der wissenschaftliche Grabungsleiter Leif Steguweit – nun sind mit den weiteren Funden auch weitere Erkenntnisse ans Tageslicht gekommen.

Dass die Grabungsstätte am 3. März verlassen wird, bedauern vor allem die Heimatforscher wie der Brucker Erich Birkholz oder der für Bruck zuständige im Heimat- und Geschichtsverein, Bernd Nürmberger. Sie verweisen darauf, dass Bodendenkmäler durch die bayerische Verfassung geschützt seien – was in Bruck geschehe, verletze bestehende Gesetze und Bestimmungen. Die Heimatforscher fordern weitere Unterschungen.

Für Grabungsleiterin Sarah Wolff ist das absehbare Ende der Grabungen "bedauerlich" – schließlich sei davon auszugehen, dass man bei der Freilegung weiterer Schichten auch weitere Funde machen werde und noch mehr Erkenntnisse über die mittelalterliche Geschichte Brucks erfahren werde. Aber der Auftrag sei eindeutig: Auch wenn bei der erreichten Grabungstiefe noch Schädel und Knochen aus dem Boden ragten, werde nicht weitergegraben, "die Skelette werden abgedeckt, den Rest macht der Bagger". Die bis dahin gesammelten Schädel und Knochen werden nach Abschluss der Arbeiten "würdevoll beigesetzt", versichert Andreas Heger von der Gesamtkirchenverwaltung.

Was nun noch anstehe, ist die bauliche Sicherung des Nachbarhauses, das, ohne Keller, über einem Teil des alten Friedhofs steht — hier soll ein Fundament gegründet werden. Ebenfalls noch nicht entschieden ist, wie mit der alten Wehrmauer umgegangen werden soll, die wohl Teil der früheren Wehrkirche Bruck war. Hier sei noch die Meinung des Denkmalamtes gefragt, sagt Heger, das sei "eine spannende Frage".

Spannend auch deswegen, weil jeder weitere Grabungstag den geplanten Neubau teurer mache, jede Umplanung (wie die erforderliche Neuberechnung der Statik für eine geänderte Bodenplatte des Neubaus) zu Verzögerungen und Kostensteigerungen führe.

Dass dies – wie der gesamte Neubau auf historischem Boden – von Gemeindemitgliedern kritisch gesehen werden, könne er nachvollziehen. "Dass die Leute das Projekt aufmerksam begleiten, ist ja gut", so Heger, "und sie haben natürlich auch Anspruch auf Auskunft."

Für ihn als Quasi-Bauherren gehe es jetzt aber erst einmal darum dass Befürchtungen der unmittelbaren Nachbarn, der Neubau habe negative Auswirkungen auf ihre Bauten, beseitigt werden. 

PETER MILLIAN

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