Montag, 24.09.2018

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Heroldsberg: Wenn aus Schülern bedeutende Lehrer werden...

Ausstellung im Weißen Schloss widmet sich den bekannten Künstlern Schiestl und Griebel - 31.05.2018 15:00 Uhr

Interessant ist ein Vergleich der Werke von Rudolf Schiestl und seinem Schüler Fritz Griebel. © Udo Güldner


Fritz Griebel war ein echter Unglücksrabe. Als der Erste Weltkrieg gerade auf sein blutiges Ende zuging, war der 18-jährige Kunststudent gerade alt genug, um noch eingezogen zu werden. Sein Kunstprofessor Schiestl war da bereits in Lothringen und Belgien stationiert und sorgte für die Kriegsberichterstattung. Als die Wehrmacht sich 1940 im Westen gegen die Niederlande wandte, kam der inzwischen bekannte Künstler wieder an die Front. Dabei war die Zeit des Nationalsozialismus eine Zäsur für den gebürtigen Unterfranken, der als "aufgehender Stern am fränkischen Kunsthimmel" galt, wie Kunstexpertin Frederike Schmäschke aus Nürnberg bei der Vernissage erklärt.

Unverfängliche Arbeiten

Hatte er sich anfangs auf Landschaftsmalerei und unverfängliche Stillleben kapriziert, um möglichst wenig Angriffsfläche zu bieten, geriet er 1940 mit einer Schau in der Norishalle in Nürnberg unter den Verdacht "entarteter Tendenzen", wie die Kunsthistorikerin schildert. Folgerichtig hängen in den ehemaligen Wohnräumen der Patrizierfamilie Geuder Ansichten der Felsformationen rund um Pottenstein, Blicke in den "Steckerles-Wald" alias Reichswald und eine bäuerliche Idylle, die eine Birnenernte wohl in Heroldsberg zeigt.

Die Motive hatten Schiestl und seine Schüler, darunter auch der mehr als 20 Jahre jüngere Griebel, bei Streifzügen durch die Fränkische Schweiz "erwandert" — wie einst die Romantiker, darunter Ludwig Richter. Es galt, Hand und Augen zu schulen. Und dem Betrachter das harte Leben der Landbevölkerung zu zeigen.

Berühmte Vorbilder

Nebenbei inspirierten Paul Cezanne und Paul Gauguin sowie der Maler Jean-Francois Millet den jungen Griebel, wie sein Skizzenbuch beweist. Schmäschke wäre aber keine Fachfrau, die im Fembo- und im Dürer-Haus in Nürnberg gearbeitet hat, wenn ihr nicht die grafischen Werke, Radierungen, Holzschnitte und Lithografien am Herzen lägen. Gerade Schiestl hat hier dank seiner christlichen Sujets eine gewisse Berühmtheit erlangt. "Mit solch plakativen Holzschnitten hielt er sich wirtschaftlich über Wasser." Seine Arbeit zu Sebastian und Lorenz war sogar so stark nachgefragt, dass zwischenzeitlich die Druckplatte völlig abgenutzt war. Dass auch einem Meister einmal ein Fehler unterlaufen kann, zeigt ein Monogramm, das "R.S. 1613" angibt. Beim spiegelverkehrten Bearbeiten der Druckplatte hatte Schiestl sich vertan. Nach Kriegsende begann bei Griebel ein "unstillbarer Hunger nach Farbe", wie es die Kuratorin der Ausstellung bezeichnet.

"Seine" Kunstakademie war wegen der Bombenangriffe der Alliierten inzwischen in die mittelfränkische Provinz verlagert worden. Griebel hat das Deutschordensschloss in Ellingen denn auch in starken Ölfarben auf die Leinwand gebannt. Dank seiner nicht nachlassenden Bemühungen gelang es, die Kunstakademie wieder nach Nürnberg zu bringen. Er, der einst nur durch Umwege, weil ohne Abitur, an die Institution gekommen war, wurde 1948 gar der Direktor des Hauses. Der Leiter des kleinen, aber feinen ehrenamtlich geführten Museums, Eberhard Brunel-Geuder, kann nicht nur aus der hauseigenen Griebel-Sammlung schöpfen, sondern auch auf die Schiestl-Stücke aus der ehemaligen Schloss-Gaststätte in Kalchreuth zurückgreifen. "Das war nach 1945 ein bekannter und beliebter Künstlertreff."

Auf ganz wenig Raum im Obergeschoss wird ganz schön viel geboten, freut sich der dritte Bürgermeister Heroldsbergs und Vorsitzende der örtlichen Kulturfreunde. Das Dritte Reich musste Schiestl wegen seines frühen Todes nicht mehr erleben. Es hätte für den Einzelgänger, der nach abgebrochenem Studium in München erst einmal in die Einöde des Steigerwalds verschwand, wohl einen ähnlich harten Einschnitt wie für seinen Lieblingsschüler Griebel bedeutet. Überhaupt lassen sich immer wieder biographische Gemeinsamkeiten finden. Denn auch Schiestl nahm die nähere Umgebung in Augenschein, ohne seine Bäuerin im Knoblauchsland oder die Hopfenernte in Spalt zu idealisieren.

Außerdem lag beiden sehr viel an der Ausbildung des künstlerischen Nachwuchses. Griebel unternahm deshalb in den 1950er Jahren auch italienische Reisen mit seinen Studenten. Davon zeugt ein lebensfrohes Aquarell aus Limone. Daneben half Schiestl seinem Schützling Griebel, munterte ihn auf, entlockte ihm sein künstlerisches Potenzial. "Es war eine Beziehung auf Augenhöhe, eine Freundschaft, eine Seelenverwandtschaft," so Frederike Schmäschke. Die Ausstellung "Rudolf Schiestl und Fritz Griebel – Wenn aus Schülern Lehrer werden" ist noch bis zum 25. November 2018 im Weißen Schloss in Heroldsberg (Kirchenweg 4) zu sehen. Öffnungszeiten: Mittwoch 10-13 Uhr; Freitag bis Sonntag 15-18 Uhr; Sonderöffnung auf Anfrage bei Eberhard Brunel-Geuder unter Tel. (09 11) 5 18 75 35. Mehr zum umfangreichen Begleitprogramm mit Sonderführungen und kunsthistorischen Vorträgen auch im Internet unter www.weisses-schloss-heroldsberg.de 

Udo Güldner

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