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Herrmann Radteam aus Baiersdorf holt Bundesliga-Sieg

Marcel Franz nutzt das Rennen in Ilsfeld Auenstein, um den Frust zu bewältigen - 28.06.2018 11:30 Uhr

127 Kilometer durch den Landkreis Heilbronn und dann in den Zielsprint: Das Herrmann Radteam (blaue Trikots) holte in der Bundesliga den Mannschaftssieg. © Marcel Hilger


Sport ist unbarmherzig. Leistungssport in besonders fieser Weise. Trainiert man ein ganzes Jahr für einen Moment und dann verliert man doch: Es gibt kaum ein Gefühl, das schmerzhafter ist. Schlimmer ist wohl nur, wenn man seine Leistung bringt, am Ziel seiner Träume angekommen ist und dann "betrogen wird".

Marcel Franz erlebt gerade, wie das ist. Der 22-Jährige ist "inoffizieller" Deutscher U23-Vizemeister. Zumindest war er in Holzwickede am östlichen Rand des Ruhrgebiets als Zweiter ins Ziel gerollt. Dann allerdings griff die Jury ein. "Das habe ich noch nie erlebt", sagt Franz. "Sonst schaltet sich die Jury nur ein, wenn es einen Massensturz oder Beschwerden der anderen Teams gibt."

Die Kontrahenten allerdings hatten nicht eingegriffen. Trotzdem wurde der Baiersdorfer distanziert, also ans Ende des Feldes versetzt. Die Jury hatte entschieden, dass Franz regelwidrig seine Fahrlinie verlassen habe, Welle nennen das die Radfahrer. "Mir haben hinterher viele gesagt, dass es ungerechtfertigt ist. Man sieht es auch in einem Video, das mittlerweile erschienen ist", meint Franz. Doch weil es eine Tatsachenentscheidung war, konnte das Herrmann Radteam keinen Einspruch einlegen.

"Für mich war die U23-DM das Rennen des Jahres, darauf habe ich mein Training abgestimmt. Zuerst war ich super happy, dann fühlte es sich an wie ein freier Fall." Es war der bitterste Moment in der jungen Sportlerkarriere. "Ein Sturz ist ein Kinderspiel dagegen." Ein paar Tage habe es gedauert, ehe der erste Frust zumindest in Teilen verarbeitet war.

"Ich habe viele Gespräche geführt, ehemalige Trainer und Weggefährten haben mich angerufen." Natürlich gab es auch innerhalb des Baiersdorfer Radteams Ansprechpartner, der ehemalige Radprofi und Teammanager Grischa Janorschke, Teamchef Stefan Herrmann, alle wollten Marcel Franz helfen, diese Erfahrung zu verarbeiten. "Irgendwann habe ich gemerkt: So viel Energie darin zu investieren, um sich darüber zu ärgern, lohnt sich nicht", sagt Franz.

Marcel Franz


Also stieg er wieder aufs Rad. "Ich wollte meinen Frust rausfahren und es allen noch einmal beweisen." Beim Bundesliga-Rennen am Sonntag in Ilsfeld Auenstein reichte das für Rang sechs. "Das ist okay", meint Franz. "Team-intern hat allerdings nicht alles so geklappt, wie wir es wollten. Wir wollten uns den Tagessieg im Einzel holen."

Das Rennen im Landkreis Heilbronn war schnell, die Baiersdorfer aber waren an allen wichtigen Aktionen beteiligt. Über 127 Kilometer auf einem 9,1 Kilometer langen Rundkurs mussten die Fahrer mehr als 2600 Höhenmeter bewältigen. "Wir hatten einen guten Tag, sind ruhig geblieben und haben uns nicht aus der Reserve locken lassen", sagt der ehemalige Radbahn-Fahrer, der an der Uni Erlangen Lehramt studiert. "Beim Zielsprint waren drei aus unserem Team in der Neun-Mann-Gruppe dabei."

Eigentlich ist das eine sichere Sache, gemeinsam dann einen Fahrer ganz nach vorne zu bringen. Florenz Knauer und Christian Mager waren dabei. Franz klebte am Hinterrrad von Knauer, dann gab es ein Missverständnis. "Der Sprint war sehr hektisch", sagt der 22-Jährige. "Davor war ich fünf Runden in einer Ausreißergruppe, ich hatte im Finale nicht mehr die Körner." Marcel Franz war dann doch enttäuscht, "auch wegen der Deutschen Meisterschaft noch".

Seine Teamkollegen Knauer und Mager kamen als Zweiter und Zehnter ins Ziel. In der Mannschaftswertung bedeutete das für das Herrmann Radteam den Tagessieg. In der Bundesliga-Tabelle sind die Baiersdorfer weiterhin Dritter. Mager liegt in der Einzel-Gesamtwertung als Vierter knapp vor Marcel Franz auf Platz fünf. "Als Team haben wir umgesetzt, was verlangt war", sagt Franz. "Wir hätten uns nur noch mit einem Einzelsieg belohnen müssen."

Die Saison muss nun natürlich trotz Rückschlägen weitergehen, auch für Marcel Franz. "Ich habe noch ein großes Ziel: Ich hoffe, dass ich mich für die Nationalmannschaft empfohlen habe. Auch der Bundestrainer hat gesehen, dass ich bei der Deutschen Meisterschaft als Zweiter ins Ziel gekommen bin."

Für die Europameisterschaft am 15. Juli könnte es knapp werden, bis zur WM im September allerdings ist noch Zeit. "Jetzt kommt ein Höhepunkt nach dem anderen. Mit Erfolgen kann ich auf mich aufmerksam machen." Aufhalten lassen wird sich Marcel Franz dabei so schnell nicht. Denn auch das ist Leistungssport: Selbst nach den schmerzhaftesten Erfahrungen steigt man wieder aufs Rad. 

Katharina Tontsch Sportredakteurin in Erlangen E-Mail

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