Mittwoch, 12.12.2018

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In Erlangen herrscht Frust

Zu neuen Wohnungen werden dringend soziale Einrichtungen gebraucht - 15.11.2017 11:00 Uhr


Der Bezirk 77 taucht mit Superlativen in verschiedenen Statistiken der Stadt Erlangen auf. Es ist der Bezirk mit den größten sozialen Problemen. Die Erwerbslosigkeit ist hoch, und wenn es in Erlangen Kinderarmut gibt, dann hier. Der Bezirk 77 ist Büchenbach Nord. Bei der jüngsten Bundestagswahl hat die Alternative für Deutschland (AfD) hier die meisten Stimmen in Erlangen erhalten. Noch etwas näher herangezoomt: Im Bezirk 771, also Bezirk Odenwaldallee, lag der Anteil der AFD-Wähler bei 19,5 Prozent, dem höchsten Wert in Erlangen. Damit ist die Situation, wenn man einen Vergleich mit der Nachbarstadt Nürnberg sucht, ähnlich wie in Langwasser-Süd.

Und eben hier, neben Gewobau-Wohnblöcken an der Odenwaldallee beziehungsweise Bamberger Straße, wurde ein Areal, das der städtischen Wohnungsbaugesellschaft gehört, für ein Nachverdichtungsprojekt auserkoren. 90 neue Wohnungen sollen gebaut werden, mindestens 75 Prozent davon sollen sozialer Wohnungsbau sein.

Hinter den Kulissen wird schon seit über einem Jahr über das Vorhaben gesprochen, von Seiten des städtischen Jugendamtes wurde von Anfang an auf die Notwendigkeit hingewiesen, dass neben Wohnungen auch dringend soziale Einrichtungen entstehen müssen.

Denn dass in dem bereits jetzt mit großen Wohnblöcken verdichtet bebauten Gebiet sozialer Sprengstoff liegt, ist klar. Das sehen auch Anwohner so. "Ich rufe regelmäßig die Polizei an", sagt eine Anwohnerin, die an der Büchenbacher Anlage lebt. "Die Probleme nehmen zu", sagt eine andere Anwohnerin. "95 Prozent stinknormale Leute werden von einer Minderheit terrorisiert."

Im letzten halben Jahr hat die Gewobau Erlangen neben eigenen Mitarbeitern Vertreter des Stadtteils, darunter Stadträte, Nachbarn, die Pfarrer der Apostel- und der Martin-Luther-Kirche sowie Architekten an einen Runden Tisch geholt. Auch die Mieter der angrenzenden Gewobau-Häuser seien "umfassend über die Ergebnisse der Treffen informiert worden und waren eingeladen, Wünsche und Anregungen zu äußern", heißt es jetzt in einer Pressemitteilung der Gewobau. Man habe sich gemeinsam auf wichtige Eckpunkte geeinigt.

So sollen alle Wohnungen barrierefrei zugänglich sein. "Die Wohnungen sind überwiegend für Senioren vorgesehen, dazu kommen noch zirka zehn Gewerbeeinheiten im Erdgeschoss." Dort werden einmal, so der Plan, das Zentrum für Selbstbestimmtes Leben (ZSL) mit Therapieeinrichtungen, die AWO mit Werkstätten und die Stadt Erlangen mit sozialen Einrichtungen einziehen.

Die Zahlen, die von der Gewobau in ihrer Pressemittteilung geliefert werden, lassen daraus schließen, dass am Runden Tisch und hinter verschlossenen Türen durchaus hart um das künftige Bauprojekt, für das der Bauantrag jetzt eingereicht wird, und dessen genaue Ausrichtung gerungen wurde. Auf 90 Wohnungen — ursprünglich war von 160 die Rede gewesen — wurde das Bauvorhaben schließlich beschränkt. Gebaut werden soll auf dem Parkplatz der seit mehreren Jahrzehnten bestehenden Gewobau-Häuser, der dann wiederum durch eine Tiefgarage ersetzt wird.

Auf einen dreigeschossigen Grundsockel sollen in größeren Abständen fünf unterschiedlich hohe "Würfel" und ein Quader aufgesetzt werden. Die Häuser werden damit also zwischen vier- und siebengeschossig sein, durch die Abstände erziele man Durchlässigkeit, heißt es von Architektenseite. Und man halte den größtmöglichen Abstand zu der Grünfläche, deren alter Baumbestand so weit wie möglich erhalten werden soll.

Das hört sich gut an, ändert aber nichts daran, dass die Ängste vieler Mieter in den Gewobauhäusern in den letzten Monaten hochgekocht sind und offenbar auch trotz des Runden Tisches nicht beruhigt werden konnten. "Ich habe ständig weinende Leute bei mir im Laden stehen", sagt Tanja Gehret, die in einem Geschäft am Rudeltplatz arbeitet.

Leute ab 60 seien das, und sie seien voller Ängste. "Was machen die mit uns? Bei uns ist es eh schon so eng", bekommt sie dann zu hören. Auch dass die Pläne sich in den letzten Monaten immer wieder geändert haben, habe zu der Verunsicherung beigetragen. Und dass keine Reaktion auf die Liste mit knapp 300 Unterschriften gegen das Bauvorhaben gekommen sei, die eine Mieterinitiative bei der Gewobau abgegeben hatte.

Von dem ganzen Bauvorhaben samt Rundem Tisch sei nichts nach außen gedrungen, eine öffentliche Veranstaltung habe es nicht gegeben, das habe den Leuten das Gefühl vermittelt, nicht ernst genommen zu werden, sagt Gehret, die in den letzten Monaten immer wieder als "Kummerkasten" fungierte. Und manche hätten die Befürchtung geäußert, dass ihnen als Gewobau-Mietern Nachteile entstehen könnten, wenn sie sich wehren.

Ohne derartige Ängste im Nacken hätten sich dagegen die Hausbesitzer südlich des Rudeltplatzes erfolgreich gegen eine zu hohe Bebauung mit Gewobau-Häusern in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft gewehrt, sagt Gehret. Sie selbst wohnt in der Nähe des Rudeltplatzes, "auf der Sonnenseite", wie sie sagt, und kann nicht recht daran glauben, dass die weitere Verdichtung des ohnehin schon verdichteten Gebiets inmitten von Büchenbach Nord nicht doch noch zu einer weiteren Zunahme der sozialen Probleme führen wird.

Das geht vielen Teilnehmern des Runden Tisches bei der Gewobau offenbar genauso. Diese hätten von Beginn an die soziale Flankierung des Baupojekts gefordert, teilt die Wohnungsbaugesellschaft mit, deshalb setze sie sich für die Umsetzung von Maßnahmen ein, die das Leben in dem Quartier verbessern.

In seiner Sitzung Ende September habe der Stadtrat beschlossen, Fördermittel im Rahmen des Programms "Soziale Stadt" zu beantragen. Damit solle ein Quartiersmanager bezahlt werden. Das, so glaubt eine Anwohnerin, sei zwar ein gutes Bemühen, werde aber nicht wirklich die Probleme lösen. Um wirklich etwas zu erreichen, bräuchte man Streetworker. 

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