Donnerstag, 15.11.2018

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Jüdische Schicksale als gespielte Erinnerung in Forth

Martina Switalski sieht Doku-Szenenfolge zur Pogromnacht auch als neue Form der Erinnerungskultur - 07.11.2018 15:00 Uhr

Die beiden „Schnaittacher“ Rosa und Pauline (Martina Salzmann und Jacqueline Majour) in ihrem arisierten Haus in der heutigen Forther Hauptstraße 47. Es wird seit 1938 von der Gemeinde Forth/ Eckental als Obdachlosenheim genutzt und wartet noch auf seine Bestimmung. © Foto: Helmut Meyer zur Capellen


Die Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 war die Kriegserklärung der Nationalsozialisten gegen alle Deutschen jüdischen Glaubens. 80 Jahre nach diesem Pogrom erinnert ein Doku-Theater an Einzelschicksale der jüdischen Mitbürger in Forth, Schnaittach, Hüttenbach und Ottensoos, die über Jahrhunderte eine Rabbinatsgemeinschaft bildeten.

Die Nationalsozialisten nutzen das Attentat eines verzweifelten Siebzehnjährigen auf den deutschen Botschafter vom Rath in Paris als Vorwand, um eine von langer Hand vorbereitete Aktion gegen jüdische Menschen, Einrichtungen und Vermögen durchzuführen. Sie sprachen beschönigend von "Reichskristallnacht" – als ob nur Scheiben und ein paar Kronleuchter zu Bruch gegangen wären. Dabei blieben mehr als 1400 ausgebrannte und geplünderte Synagogen zurück, mindestens 177 zerstörte Wohnhäuser, 1300 bis 1500 Tote, 30 756 Verhaftungen jüdischer Männer, von denen 1000 die Konzentrationslager Dachau, Sachsenhausen und Buchenwald nicht überlebten beziehungsweise an den Folgen der Haft starben. In der Nacht vom 9. November begann der Holocaust.

Für das Wandeltheater hat die Historikerin Martina Switalski vier Schicksale dramatisiert und inszeniert. Sie versucht damit neue Formen der Erinnerungskultur auszuprobieren und die soziale Integrationskraft des Theaters zu nutzen. Die Inszenierung vereinte zunächst an jedem Ort Mitspieler, die sich für historische Sachverhalte und die Eindämmung von Fremdenhass und Gewalt engagieren.

Die Aufführung zeigt aber auch die Muster von Fremdenhass und Gewalt im Jahr 1938 auf. In Forth die brutale Heraustreibung der beiden alten Damen Rosa und Pauline Schnaittacher aus ihrem Haus und die anschließende Plünderung. In Schnaittach die Häme der umliegenden Nachbarn, die Emma Ullmanns Totschlag in Gestapo-Haft in Nürnberg am 12. November 1938 kommentieren. In Hüttenbach Hugo Burkhards Aufzeichnungen seiner siebeneinhalbjährigen KZ-Haft in Dachau und Buchenwald vor und nach der Pogromnacht. In Ottensoos schließlich die Versuche des protestantischen Pfarrers Dietzfelbinger sich gegen die Hetze zu stellen. Die vier Teile werden von den sieben Todsünden begleitet, weil Neid, Hass, Wollust oder Habgier wesentlicher Antrieb dieser Nacht der Schande waren.

Mitspieler an den dramatischen Doku-Szenen sind Martina Switalski, Jürgen Salzmann, Martina Salzmann, Jacqueline Majbour, Petra Grieseler, Maya Grieseler, Axel Gosoge, Hannah Falter, Emma Falter, Felicia Engelhardt, Elena Wölfel, Julia Salzmann, Lina Valta, Nela Frischholz, Gisela Popp, Arno und Petra Gebhard, Irmgard Borck, Paul Falter, Vincent Michl, Stephan Falter, Hans-Peter Schmidt, Johannes Figel, Vera Kessel, Stefan Candid Depenheuer und Anton Dietzfelbinger.

Für die Musik zeichnet "Sheynhoven" verantwortlich, für die Technik Felix und Klaus Leipnitz, Max Nübling; Fotos: Helmut Meyer zur Capellen; Assistenz: Katja Leipnitz und Regie: Martina Switalski.

Die Szenenfolge beginnt um 16 Uhr an der Gedenkstele in Forth, Hauptstraße 47. Sie wird um 17 Uhr in Schnaittach am Kolbmannshof, Nürnberger Straße 34 fortgesetzt. Weiter geht es um 18 Uhr in Hüttenbach, Haunachstraße 47, dem Platz der ehemaligen Synagoge. Das Ende der Veranstaltung beginnt um 19 Uhr in Ottensoos, ebenfalls am Platz der ehemaligen Synagoge, Dorfplatz 5. Hier gibt’s zum Ausklang Speis und Trank, Musik und viel Gelegenheit zum Gedankenaustausch (siehe auch nebenstehendes Interview).  

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