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Junge Oromos aus Baiersdorf sollen gehen

Zehn Ausbildungsplätze, aber kein Bleiberecht - 19.04.2017 13:00 Uhr

Demonstration am Neujahrstag der Oromo, 2. Oktober 2016, in Bishoftu: Auch hier kam es zu Auseinandersetzungen mit der Polizei. Mehrere Menschen sind dabei ums Leben gekommen. © Foto: Afp/ Zacharias Abubeker


Es bricht förmlich aus ihnen heraus, als ich ihnen gegenüber sitze. "Warum wird in Deutschland nicht wahrgenommen, dass in Äthiopien eine Minderheit die größte Volksgruppe systematisch unterdrückt und verfolgt?" Dagegen hat sich in den letzten Jahren immer wieder Protest gebildet, zumeist von jungen Schülern und Studenten, unterstützt von der älteren Bevölkerung, erzählen die jungen Männer.

Die Proteste richteten sich vor allem gegen den von der Regierung ausgerufenen Masterplan, der eine Ausdehnung des Gebiets der Hauptstadt in die Region Oromia hinein bedeutet hat. Dadurch kam es zu Enteignungen von oromischen Bauern, zudem wird in den Schulen die Sprache und Kultur der Oromo unterdrückt.

Bei Studenten- und Schülerprotesten in der Region Ende April 2014 kam es in vielen Städten zu gewalttätigen Übergriffen der Ordnungskräfte gegen Schüler und Studenten sowie im Anschluss daran gegen alle aus der Bevölkerung, die sich auf der Straße in friedlichen Demonstrationen Gehör verschaffen wollten. Dabei wurde Tränengas eingesetzt und scharf in die Menschenmenge geschossen, es gab zahllose Tote und Hunderte wurden inhaftiert, mittlerweile Tausende.

In den Tagen danach kam die Polizei in der Nacht in die Häuser, inhaftierte Schüler und Studenten oder Familienangehörige, wenn die betreffenden jungen Teilnehmer nicht anwesend waren, auch in den Schulen wurden am nächsten Tag Schüler aus dem Unterricht geholt und festgenommen.

In den Gefängnissen "wurden wir misshandelt und gefoltert, mit Elektroschocks, Schlägen und Waterboarding", schildern die jungen Männer. Sie standen unter Verdacht, von der als "terroristisch" geltenden OLF (Oromia Liberation Front) aufgehetzt bzw. deren Sympathisanten zu sein.

Vielfach wurden die Schüler und Studenten von ihren Familien aus den Gefängnissen freigekauft, mussten jedoch das Land verlassen, damit der bestochene Gefängniswärter nicht aufflog.

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Das Nachbarland Sudan, in dem sie warten wollten, bis sich die politische Lage in ihrem Land entspannt hat, schloss freilich einen Auslieferungsvertrag mit der Regierung von Äthiopien. Also mussten die jungen Leute weiter nach Libyen. Auch dort konnten sie nicht bleiben, blieb folglich nur der Weg über das Mittelmeer.

Diese Menschen müssen sich hier vorwerfen lassen, Wirtschaftsflüchtlinge zu sein. Dabei kommen sie meist aus gut situierten Familien, die ihre Kinder auf gute Schulen schicken konnten, ihnen eine Zukunft in Äthiopien durch gute Bildung aufbauen wollten. Der Staat geht gegen diese jungen, gut ausgebildeten, aber selbstständig denkenden und Demokratie einfordernden Menschen vor, sperrt sie ein oder zwingt sie zur Flucht.

"Wir wollten nicht nach Europa. Aber es blieb uns nichts anderes übrig. Jetzt sind wir zwei Jahre da, haben Deutsch gelernt, wofür? Wenn wir abgeschoben werden, droht uns wieder das Gefängnis", befürchten sie. Und sie verstehen nicht, dass ihre Freunde, die zufällig in Hessen gelandet sind, anerkannt werden, sie aber, die zufällig in Bayern angekommen sind, nicht.

Die Ungewissheit macht den jungen Männern zu schaffen. Carmen Wurm, Vorsitzende des Baiersdorfer Flüchtlingshilfevereins "Hand in Hand", sagt, dass 16 ihrer Schützlinge bereits eine Ablehnung erhalten haben, nur zwei eine Anerkennung. 

Dabei hätten zehn der Jungs ab September einen Ausbildungsplatz, vor allem in Handwerksbetrieben in und um Baiersdorf.

Die Situation in Äthiopien hat sich in den letzten Jahren nicht verbessert, im Gegenteil. 2016, nachzulesen bei Amnesty International, Human Rights Watch und in den Seiten des Auswärtigen Amts, kam es gehäuft zu Auseinandersetzungen bei Demonstrationen, als die Staatsgewalt mit Gewalt auf friedliche Demonstrationen reagierte. Es gab Hunderte Tote und selbst Politiker, die sich für die Situation der Oromo einsetzten, wurden verhaftet.

Eine Ablehnung des Asylantrags eines Oromo durch das Bundesamt für Migration endet oft mit den Worten: In diesem Land gibt es keine Konflikte. 

DIETER KÖCHEL

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