Donnerstag, 15.11.2018

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Literatur mal anders lauschen

Autoren und ein Verleger: Neues Format im E-Werk - 07.11.2018 17:44 Uhr

Zwei Autoren, ein Musiker (Gitarrist John Steam Jr.) und ein Moderator – das ist das Grundgerüst für "Alle meine Freunde", ein Literaturabend in intimer Atmosphäre. Es solle etwas entspannter werden, "nicht die üblichen Wasserglaslesungen", kündigte Philip Krömer, beim "homunculus-Verlag" zuständig für Lektorat, Rechte und Lizenzen, gleich zu Beginn an und unterstrich dies, indem er selbst mit einem Bier in der Hand die Bühne betrat. Er stellte seinen Verlag vor: Gegründet von vier Germanistik-Studenten, ist er Teil der Indie-Literaturszene. Ein unabhängiger Verlag, der den Anspruch hat, hochwertige Literatur herauszubringen, die reinen Verkaufszahlen sind zweitrangig.

Die erste Künstlerin, Judith Keller aus Zürich, las aus ihrem Werk "Die Fragwürdigen". Damit sind wir alle gemeint, denn sie beschäftigt sich mit den vermeintlichen Selbstverständlichkeiten des Alltags und dröselt sie sprachlich auf. Das Buch besteht aus einzelnen Geschichten, die nicht zusammenhängen. Ihre Texte kürzt die Autorin mit den roten Haaren so lange, "bis nur noch wenige Sätze übrig sind, die des Pudels Kern herausarbeiten sollen, der einem im alltäglichen Sprachgebrauch entgeht", erläuterte sie im anschließenden Gespräch mit Krömer. Ein Satz sei dann die Bedingung für den anderen, steigere die sprachliche Klarheit. Mit ruhiger, tragender Stimme las die junge Schriftstellerin ihre kurzen Sprachanalysen von kleinen Karten ab. In der Schweiz gebe es eine Tradition kurzer Texte. Auch habe man es dort als Schriftsteller einfacher, weil es dort mehr Formate für weniger Leute gebe. Leben könne sie von der Schreiberei aber trotzdem nicht.

Ärger über Heimatromane

Maruan Paschen las aus seinem zweiten Roman "Weihnachten", der mit einem gänzlich unweihnachtlichen Cover daherkommt – Kalkül des Verlags, so vermutete der Schriftsteller mit der Baskenmütze, da dieser von dem Titel eigentlich nicht so begeistert war. Gleich im ersten Satz gesteht ein Mann seinem Therapeuten, an Weihnachten seine Familie ermordet zu haben – und schildert dann im weiteren Verlauf, in dem der Therapeut irgendwann einschläft, wie es dazu kam. Er ärgere sich über konservative Heimatromane, erklärte Paschen im Gespräch, vielleicht seien Geschichten, die gar nicht wahr sein könnten, die besseren, da sie auch keinen Anspruch darauf erheben. Die deutsche Literatur brauche mehr Fantasie, antwortete er auf die entsprechende Frage von Philip Krömer. Ebenfalls störe den Autor, dass jeder Schriftsteller heute auch zugleich Volkserzieher sein müsse und sich zu Themen wie Flüchtlinge und Politik äußern solle.

Im Anschluss begaben sich alle von der Bühne in den Zuschauerraum, um dort das Gespräch zu suchen. Philip Krömer war jedenfalls zufrieden und würde sich über eine Fortsetzung freuen. 

GISA BODENSTEIN

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