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Mittwoch, 24.10.2018

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Marodierende Banden entvölkerten Landstriche im Erlanger Umland

Schneisen der Verwüstung rund um Erlangen - Von Baiersdorf bis Eschenau - 13.05.2018 11:00 Uhr

Schloss Scharfeneck in Baiersdorf um 1790. Der Forchheimer Obrist Friedrich von Schletz ließ 1632 das eben bezugsfertige Renaissancegebäude, das einen zerstörten Vorgängerbau ersetzen sollte, niederbrennen. Repro einer getönten Radierung von Nikolaus Jacob Green im Stadtarchiv Erlangen.


Der folgende Bericht soll die Kriegsereignisse in einigen Städten und Dörfern an der Schwabach, der Regnitz sowie in deren Umfeld skizzieren. Zur Klärung der Frage, wie es hier ohne gewaltiges Schlachtgetümmel zu derart verheerenden Folgen kommen konnte, muss man einige Fakten vorausschicken.

Im genannten Gebiet grenzten dicht an dicht das katholische Hochstift Bamberg, die Markgrafschaft Brandenburg-Bayreuth und Ländereien der Reichsstadt Nürnberg (beide protestantisch) aneinander. Es gab auch noch örtliche Adelige, die ihr eigenes Süppchen kochen wollten, wie die Ermreuther Schlossherrn, die eine religiöse und gerichtliche Loslösung vom bambergischen Amtsbezirk Neunkirchen anstrebten.

Die Herrschaftsbezirke waren zudem nicht klar voneinander abgegrenzt. Bamberger Fürstbischöfe hatten die Hofmark Neunkirchen schon hin und wieder vorübergehend verpfändet und an andere Besitzer gewöhnt, und es gab auch Orte mit unterschiedlicher Herrschaft und Konfession.

Ende 1626 nisteten sich erneut Kavalleristen ein

Zur völligen Rücksichtslosigkeit der katholischen wie protestantischen Truppen trug bei, dass in ihnen so gut wie keine Landeskinder und Bewohner von Nachbarorten dienten, sondern Söldnerhaufen zu Werke gingen. Von etlichen Heerführern wurde ihnen von vornherein freies Beutemachen eingeräumt, aber auch wenn ihnen versprochener Sold nicht ausgezahlt wurde, marodierten sie auf eigene Faust.

Frühe Vorboten des Schreckens tauchten im Raum Gräfenberg und Eschenau auf. Herzog Maximilian I. von Bayern, der Initiator und militärische Führer der Katholischen Liga, beauftragte nach der Schlacht am Weißen Berg in Böhmen seinen Feldherrn Johann Tserclaes Tilly mit der Verfolgung des gefürchteten protestantischen Armeeführers Ernst von Mansfeld. Dies geschah im November 1621. Tilly konnte Mansfeld zwar nicht schlagen, aber immerhin aus dem Land verdrängen.

Die Schwedenföhren in Möhrendorf. Die Jahresring-Untersuchung an einem gefällten Exemplar hat ergeben: Die Entstehung der Bäume dürfte in die Endphase des Dreißigjährigen Kriegs zurückreichen. Foto: Harald Hofmann


Tillys Truppen bezogen in der Oberpfalz Winterquartier; wegen unvollständiger Soldzahlungen tyrannisierte die Soldateska die dortigen Dörfer. Anhand der Aufzeichnungen eines damaligen Geistlichen berichtet der Eckentaler Heimatforscher Ernst Fink von der Erschlagung von sieben Gräfenbergern durch "baierische Rotten". Vier Jahre später (1625) hätten 500 kaiserliche Reiter die Eschenauer um ihr Hab und Gut gebracht und zwei Bauern erschossen. Ende 1626 nisteten sich erneut Kavalleristen mit Waffengewalt in Eschenau ein.

Fronleichnamstag 1630 fiel auf den 30. Mai

Um in der Gegend zu bleiben: Der Chronist Franz Wenceslaus Goldwitzer war wiederum über die protestantische Gegenpartei so maßlos empört, dass er in seiner Chronik von Neunkirchen (1814) deren Treiben deutlich vorverlegte.

"Es war der heilige Fronleichnamstag 1630, als der Markt zum ersten Mal von einer Horde schwedischer Krieger heimgesucht wurde. Alle Häuser wurden ausgeplündert, die Bewohner sehr misshandelt und 23 Fuder Wein hinweggeführt," berichtet er.

Der Autor dieses Artikel hat nachrecherchiert: Der Fronleichnamstag 1630 fiel auf den 30. Mai. Da hatte der Schwedenkönig Gustav Adolf mit seinen mehr als 13.000 Soldaten noch nicht einmal den Fuß auf deutschen Boden gesetzt; dies erfolgte erst vier Wochen später in Pommern. Nach Kriegserfolgen in Norddeutschland rückten die Schweden viel später im Winter 1631 nach Mainfranken vor. Folglich kann das von Goldwitzer geschilderte Ereignis erst zu Fronleichnam Anfang Juni 1632 stattgefunden haben.

Zum "Ausgleich" hat dieser Chronist auch den katholischen Gegenpart Tilly ein Jahr zu früh nach Neunkirchen reisen lassen. Der Feldherr und sein Generalstab konnten schwerlich im Februar 1631 im verbündeten Neunkirchen übernachten, und das übrigens leider, so muss man sagen. Denn um die besagte Zeit wütete er in Mecklenburg-Vorpommern und richtete kurz darauf ein Blutbad in der Stadt Neubrandenburg an.

Trotz dieser zeitlichen Ungereimtheiten, die auch den Heimatforschern Alfred und Edwin Jakob Derfuß auffielen, gehen die Historiker lediglich von Falschdatierungen aus und glauben an die Echtheit der Vorfälle. Darunter sind weitere Aktionen von Schweden am Ort wie das Erpressen von Geld, Plünderungen, Hauszerstörungen und das Herabwerfen von Kirchenglocken zum Einschmelzen zur Munitionsherstellung.

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Blutiges Zeitalter: Diese Festspiele erinnern an den Dreißigjährigen Krieg

Krieg, Tod, Hunger und Seuchen: Die Vier Apokalyptischen Reiter verheerten im Dreißigjährigen Krieg (1618 - 1648) das Heilige Römische Reich Deutscher Nation. In manchen Teilen Frankens betrug der Bevölkerungsverlust 40 bis 50 Prozent. An diese Zeit erinnern noch heute Festspiele in Dinkelsbühl, Altdorf und Rothenburg - bunte Touristenspektakel, die das Grauen von damals allerdings nur unzureichend spiegeln.


In Hetzles sollen nicht weniger als 34 Menschen ermordet und vier Häuser abgebrannt worden sein und in Dormitz 49 sowie in Baad und in Steinbach sieben Häuser in Flammen gestanden haben. Die Neunkirchener hatten, so der Bericht, zur Verteidigung eine Bürgerwehr gebildet und sich in Forchheim zwei Dutzend Hakenbüchsen besorgt. Damit wehrten sie sich gegen Kriegsfeinde und auch gegen herumstreunende Räuber und Plünderer: Sie metzelten ihrerseits etliche nieder.

Anfang des 19. Jahrhunderts soll man beim Bau eines Wehres in einem Bachbett bei Dormitz drei geharnischte Gerippe — von Schweden, so wurde gemutmaßt — gefunden haben.

Noch aus weiteren Orten im Umfeld von Erlangen sind ungewöhnliche Ereignisse vom Dreißigjährigen Krieg zu vermelden.

Das markgräfliche und protestantische Städtchen Baiersdorf, an der Nahtstelle zum katholischen Fürstbistum Bamberg gelegen, wurde schwer von Soldaten der Festungsstadt Forchheim heimgesucht. Der dortige Kommandant und Obrist Friedrich von Schletz brannte bei einem nächtlichen Überfall am 11. Juni 1632 fast alle 105 Baiersdorfer Gebäude ab, wobei auch Personen ums Leben kamen.

Vier Tage darauf ließ er zudem, so der Chronist Johannes Bischoff, das dort an der Regnitz gelegene markgräfliche Schloss Scharfeneck anzünden. Das war am Platz einer alten Burgruine nach 80 Jahren eben wieder neu errichtet und bezugsfertig geworden. Schletz, ein beinharter Kommandeur von 700 Soldaten und Spezialist für derartige Überfälle, wurde übrigens nach Kriegsende salzburgischer Kammerrat und verstarb 1658 im gesegneten Alter als Landrichter in Wasserburg.

Die wichtigsten Veranstaltungen finden Sie in unserer Karte.

(Sollte die Karte nicht dargestellt werden, klicken Sie bitte auf diesen Link.)

Ebenfalls an der Grenze zu Bamberger Hoheitsgebiet und an einem Truppen-Aufmarschgebiet zwischen der Oberpfalz und Würzburg befand sich das protestantische Uttenreuth. Die Lage bekam dem Dorf nicht gut. Eine Liste von zinspflichtigen Bauern zwischen 1633 und 1638 weist zahllose abgebrannte oder verödete Gehöfte aus; 1640 soll nur noch ein einziger Mann übrig gewesen sein. Wölfe drangen in den Ort vor.

Ein Helfer in allerhöchster Not war der Gutsbesitzer der Wunderburg in Marloffstein, ein Lutheraner. Er nahm Flüchtlinge auf, darunter das Uttenreuther Pfarrerehepaar. Die Frau des Geistlichen gebar dort im Chaos von Krieg und Seuchen eine gesunde Tochter (Chronik von Erich und Regina Paulus)

An den mörderischen Krieg von 1618 bis 1648 erinnern in Möhrendorf noch " Schwedenföhren". Eine Baum- untersuchung ergab, dass sie in die Endphase jener Epoche zurückreichen dürften. Sie könnten, laut Beiträgen von Franz Lautner und Burkhard Krause, aus Anlass des Friedensschlusses gepflanzt oder aber den Schweden als Gerichtsplatz, vielleicht auch zum Anbinden der Pferde gedient haben.

An der Kirchenburg in Effeltrich ist das Holzgeländer der mächtigen Wehrmauer laut einem Materialgutachten vergleichsweise jung. Es muss – lange nach dem Mauerwerk – erst wenige Jahre nach 1648 entstanden sein, wie ein Buch von Pfarrer i. R. Albert Löhr besagt. Warum erst nach dem Dreißigjährigen Krieg, fragt man sich hier.

Nach dem Friedensschluss kam diese Gemeinde übrigens relativ rasch wieder auf die Beine. Sie verkaufte, so Heimatforscher Robert Kotz, unter Aufgabe ihrer Weingärten viele Obstbaumschößlinge zur Wiederaufforstung in verödete Regionen sowie ins Ausland, und das zu einem guten Preis.                                        

  

HEINZ GÖPFERT

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