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Mit Musik gegen Demenz in Neunkirchen

Modellprojekt im Caritas-Heim — Eine Musikgeragogin leitet an - 20.09.2017 18:30 Uhr

Nicht nur zum Singen werden die Bewohnerinnen animiert, sie spielen auch kleine Instrumente. © Foto: Scott Johnston


"Das Singen war schon immer Bestandteil unserer Programmgestaltung, aber nun geht es darum, es auf eine wissenschaftlich fundierte Grundlage zu stellen", erläutert Gabriele Enning, die Leiterin des Heims. Mit Kerstin Jaunich konnte eine promovierte und anerkannte Expertin auf dem noch neuen Gebiet der "Musikgeragogik" gewonnen werden.

Diese junge Disziplin beschäftigt sich mit musikalischer Bildung im Alter und untersucht, welche Methoden für die Verarbeitungs- und Vermittlungsprozesse hierbei optimal sind. Kerstin Jaunich studierte an der Universität Hildesheim Diplom-Kulturpädagogik mit dem Hauptfach Musik sowie Literatur, Theater und Medien im Nebenfach. Ausgebildet wurde sie an den Instrumenten Oboe, Blockflöte und Klavier, in der Ensembleleitung und im Dirigieren von Chören, wobei sie Psychologie und Pädagogik als flankierende Bezugsfächer wählte.

Bereits während ihrer anschließenden Arbeit in leitender Funktion bei der Musikhochschule Stuttgart faszinierten sie die Effekte von Musik bei betagten und an Demenz erkrankten Menschen. Deshalb absolvierte sie 2008 eine zertifizierte Fortbildung auf dem Gebiet "Demenz und Musik" an der Fachhochschule in Münster.

Im Alten- und Pflegeheim St. Elisabeth hält sie zum einem selbst Stunden für die Seniorinnen und Senioren, zum anderen unterrichtet sie auch Betreuer, Pflegekräfte und interessierte ehrenamtliche Helfer darin, wie sich Musik pädagogisch sinnvoll in den Heimalltag einbinden lässt.

In der Vergangenheit war es nämlich das Problem gewesen, dass Mitarbeiter unschlüssig über die richtige Vorgehensweise waren. Außerdem fehlte ihnen das nötige musikalische Wissen.

Bei einer aktuellen Untersuchung des Max-Planck-Instituts konnte gezeigt werden, dass das Langzeitgedächtnis für Musik bis zum Lebensende erhalten bleibt. Melodien werden sofort wiedererkannt und über sie weitere Erinnerungen geweckt, die gleichzeitig die damit verbundenen Gefühle wachrufen.

Gabriele Enning erzählt, dass selbst Bewohner, welche die meiste Zeit in einer Art Trance versunken sind, bei den nun angesetzten Stunden plötzlich mitsingen und von der Musik angeregt werden. Auch die mit 101 Jahren älteste Frau im Heim wippt gleich mit, wenn ein vertrauter Refrain erklingt. Nicht selten werden alte Volkslieder gesungen, die gerade der jüngeren Generation gar nicht mehr bekannt sind. Auf diese Weise wird durch das momentane Programm auch ein Stück Kulturgut vor dem Aussterben bewahrt.

Doch das Konzept geht weit über vertraute Stücke hinaus und ist durchaus international ausgerichtet. In jüngster Zeit arbeiten nämlich in dem Caritas-Heim zunehmend Betreuerinnen und Pfleger mit Migrationshintergrund. Und dieser Migrationshintergrund kann sehr bereichernd sein.

So stammt eine Mitarbeiterin aus Brasilien – und wenn sie temperamentvoll Samba-Rhythmen anschlägt, springt der Funke im Nu auch auf die älteren Menschen über. Schließlich ist Musik die Sprache, die auf dem ganzen Globus am schnellsten verstanden wird und die Herzen auf direktem Weg berührt.

Neben dem Gesang sind auch viele instrumentale Werke Teile des Repertoires. Solo-Vorträge, Improvisationen und kreative Erweiterungen ergeben sich oft spontan und besitzen ihren eigenen Reiz.

Wenn das Leben zu Ende geht, ist Musik innerhalb der Sterbebegleitung gleichfalls ein zentrales Mittel, um den Abschied würdevoll zu gestalten. In diesen schweren, aber auch in den fröhlichen Momenten trägt sie erheblich zum Zusammengehörigkeitsgefühl unter den Bewohnern und mit den Betreuern bei.

Da das Projekt nicht über den normalen Heimbeitrag abgerechnet werden kann, sprangen die Doktor-Robert-Pfleger-Stiftung und weitere Spender bei der finanziellen Förderung ein. Angelegt ist es zunächst auf zwei Jahre.

Danach werden die Ergebnisse ausgewertet und entschieden, wie sich darüber hinaus die professionell ausgerichteten Musikstunden am besten in den täglichen Ablauf integrieren lassen. 

SCOTT JOHNSTON

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