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Es sind nicht immer die Lautesten, die von sich reden machen. Raphael Kestler ist weiß Gott nicht der Typ, in dem man sofort einen kommenden Popstar vermuten würde. Und ihm selbst läge wohl auch nichts ferner als einer zu werden – zumindest nicht im herkömmlichen Sinn. Doch sobald dieser so bescheiden, zurückhaltend, beinahe schüchtern wirkende junge Songschreiber die Bühne betritt, leicht verlegen lächelnd seine Gitarre auf den Oberschenkeln positioniert, dann behutsam die Saiten zupft und das Singen anfängt, wird es im Raum ganz still.
Es gibt wenige Musiker, die mit gerade mal 19 Jahren schon eine derart eindringliche Bühnenpräsenz an den Tag legen: die Augen geschlossen, die weichen Gesichtszüge konzentriert, singt er mit einer voluminösen, geschmeidigen Stimme, die eine klassische Schulung verrät und dennoch jede Menge Persönlichkeit transportiert. Und diese Lieder: Nicht nur gemessen an seiner Jugend sind diese zärtlich-poetischen, formvollendeten Folk-Pop-Perlen bemerkenswert. Bei diversen Liedermacher-Slams steckte er damit schon so manchen Lokalmatadoren in den Sack. Dabei wurde Raphael die Musik nicht unbedingt in die Wiege gelegt. Zwar sang die Mutter einst im Dorfchor, sonst wird in der Familie aber keine Musik gemacht. Anders Raphael: Der trällert schon als Dreikäsehoch im Kindergarten-Chor und wird später gar zum berühmten Windsbacher Knabenchor geschickt. Doch das Experiment währt nicht lange: „Ich war drei Tage dort“, erzählt Raphael, „das war nicht das Richtige für mich. Ich hatte Heimweh und der streng geregelte Tagesablauf hat mir auch nicht gefallen. Ich habe kein Problem damit, wenn die Tage geregelt sind – sie dürfen nur nicht müssen!“
Jetzt hat der junge Freigeist eine erste CD aufgenommen. „M. zieht aufs Land“ ist ein eher zufällig gewählter Titel, wie er in der proppenvollen Clubbühne bei der CD-Präsentation im E-Werk verraten hat. Hier konnte man erstmals die feinen Mitstreiter bestaunen, die Kestler für die Aufnahmen und für künftige Live-Konzerte um sich geschart hat: Der Schlagzeuger Florian Fischer, der Gitarrist Manuel Zwanzger und der Bassklarinettist Simon Vater sind alle in Raphaels Alter – demonstrieren aber nichtsdestotrotz die reife Kunst des Aufeinander-Hörens, der dynamischen Abstufungen, den Mut zur Lücke. Auf der CD wird die ungewöhnliche Besetzung noch um die Sängerin und Glockenspielerin Claudia Trinczek erweitert: Ein federleichter, bewusst schnörkellos produzierter Folksound, der so klingt, als würde die Band im eigenen Wohnzimmer sitzen. Kestlers Texte verzichten auf Klischees und Allgemeinplätze, entziehen sich allzu offensichtlichen Deutungen, sondern widmen sich lieber den leisen, nur scheinbar unbedeutenden Augenblicken der Zweisamkeit: Hoffnung, Aufbruch, Schmerz und Wehmut sind hier so nah beisammen wie im richtigen Leben.
Gefragt nach dem Entstehungsprozess seiner Lieder, denkt er kurz nach. „Die Texte sind eigentlich schon da. Ich brauche bloß eine Gitarrenlinie, um sie zu wecken. Meine Inspiration ist alles, was mir in den Kopf kommt. Viel nehme ich auch aus den Briefen, die ich schreibe.“ Ja, richtig gelesen, Raphael Kestler schreibt richtige Briefe auf echtem Papier.
Auch untypisch: Ruhm und Ehre sind ihm schnuppe. „Ich will es schon mit meiner eigenen Musik probieren. Aber es ist überhaupt nicht mein Ziel, berühmt zu werden. Ich habe gelernt, mich nicht ausschließlich über die Musik zu definieren. Aber es ist die wichtigste Art, mich auszudrücken.“
Gegen Ende unseres Gesprächs windet sich Raphael sichtlich unter der Last der vielen Fragen und gesteht: „Eigentlich ist es mir total unangenehm, über mich zu lesen.“ Er wird sich wohl daran gewöhnen müssen.www.myspace.com/raphaelkestlermusik
