Dienstag, 13.11.2018

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Pony Lilly schenkt in Honings Kindern neues Vertrauen

Die 14-jährige Melissa macht eine Reittherapie im Erlanger Umland - 09.02.2016 06:00 Uhr

Melissa (auf dem Pferd), Pony Lilly und Therapeutin Karin Möller auf dem Weg zur Reithalle. „Lilly ist mein Lieblingstier“, sagt die 14-Jährige. © Foto: Birgit Herrnleben


Ruhigen Schrittes kommt das weiße, stämmige Pony auf den Hof. Auf seinem Rücken sitzt ein zierliches Mädchen. „Hallo, ich bin Jule“, sagt sie leise. „Jule ist zu uns gekommen, weil sie ihr Selbstbewusstsein stärken musste und jetzt lernt sie richtig Reiten“, erklärt Karin Möller, Reittherapeutin und Ausbilderin der Deutschen Reiterlichen Vereinigung (FN).

„Zu mir kommen hauptsächlich Kinder mit Koordinations- und Konzentrationsschwierigkeiten, Gleichgewichtsproblemen nach Krebstherapien, ADHS oder anderen Problemen.“ Der Kontakt mit den Tieren soll Kindern mit psychischen und physischen Leiden und Traumata ermöglichen, wieder Vertrauen zu fassen und den Kontakt zu ihrer Umgebung wieder herzustellen.

Die 14-jährige Melissa kommt auf den Hof, streichelt dem Pony behutsam über die Mähne und begrüßt Lilly mit einem kräftigen „Hallo!“. Das Pferd schnaubt und neigt den Kopf, als würde es die Begrüßung erwidern. „Lilly ist mein Lieblingstier“, erklärt das Mädchen. Am wichtigsten sei es, die Nähe und Verbundenheit zum Pferd zu spüren, so die Therapeutin.

Koordination trainieren

Melissa holt sich einen Hocker und schiebt ihn sorgfältig in die richtige Position. Sie schwingt sich fast ohne Hilfe auf den Rücken ihres vertrauten Ponys. Melissa hat Downsyndrom und ist seit sechs Jahren regelmäßig bei der Reittherapeutin. Für das Mädchen sind die Therapieeinheiten nicht einfach. Am Anfang fällt es ihr schwer, locker und dabei möglichst mittig auf dem Pferd zu sitzen. Zum Aufwärmen macht Melissa die Koordinationsübungen. Zu „Grundsitz“, „Päckchen“ und „Kuddelmuddel“ streckt sie ihre Arme selbstsicher zur Seite, überkreuzt sie auf der Hüfte oder auf ihren Schultern.

„Durch den Rhythmus der Schritte des Pferdes werden die Kinder gelassener und lernen, das Gleichgewicht zu halten“, erzählt die Reittherapeutin. Was in der Stunde gemacht wird, sei sehr von der aktuellen Stimmung von Pferd und Mensch abhängig.

Melissa hat sich heute den bunten Ring ausgesucht. Mit gleichmäßigen Schritten bewegen sich das Pony und die Therapeutin über den Sand. Die Reiterin konzentriert sich darauf, den Ring vor sich zu halten, zu drehen und die Farben zu benennen. Als nächstes ist eine Gleichgewichtsübung an der Reihe: Vorsichtig, als wäre der Ring aus Glas, lässt Melissa ihn über Karin Möllers Kopf gleiten und legt ihn ihr um den Hals. Ein Lächeln huscht über das Gesicht des Mädchens, als sie die Übung ein zweites und drittes Mal erfolgreich meistert. Pony Lilly reagiert während der ganzen Stunde auf die kleinsten Handzeichen und Kommandos von Melissa und der Therapeutin. Alle in der Therapie eingesetzten Tiere müssen sensibel und gut ausgebildet sein.

Strickte Routine einhalten

Obwohl die Wirkung der Reittherapie nicht wissenschaftlich bewiesen ist, ist Dr. Stephan Thomä, Allgemeinmediziner und Facharzt für Anästhesiologie in Ebermannstadt, von einer positiven Wirkung überzeugt. Die Maßnahme sei allerdings nur für bestimmte Krankheitsbilder mit Haltungsstörungen oder autistischen Zügen geeignet. „Patienten schaffen es wieder, die Umwelt an sich heranzulassen“, berichtet der Arzt. Außerdem sei das Reiten ein sehr gutes Training für die Rumpfmuskulatur.

Für Melissa war es eine anstrengende, aber auch erfolgreiche Stunde. Das Mädchen reitet zurück zum Hof. „Bei jeder Therapieeinheit wird eine strikte Routine eingehalten, weil das den Kindern Sicherheit gibt. Deswegen gehört das Striegeln und Satteln genauso zur Therapie dazu wie das Reiten selbst“, betont Möller. Nach ausgiebiger Fellpflege verabschiedet Melissa sich mit einem „Tschüs, bis nächste Woche“ von Lilly und der Therapeutin. Lilly schnaubt. 

MARLEEN BÜRGER

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