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Puckenhof bietet Ehemaligen Hilfe an

Früher war das Leben in der Jugendhilfeeinrichtung hart, weil die Zeiten "extrem hart" waren - 11.08.2018 18:00 Uhr

Der Puckenhof heute: eine moderne Jugendhilfeeinrichtung ohne „Kinderarbeit“. © Puckenhof e.V.


"Furchtbares und sinnloses Leid und Unrecht" habe er im Puckenhof erfahren, sagt ein jetzt 69-jähriger ehemaliger Schüler der Einrichtung. "Und das auch noch völlig unschuldig."

Acht Jahre lebte der 69–jährige in der damals sogenannten "Kinderverwahranstalt". "Im August 1958 wurde ich vom Jugendamt Bamberg, das dieVormundschaft über mich hatte, dann in die Erziehungsanstalt Buckenhof bei Erlangen weggesperrt. Da war ich acht Jahre alt", sagt der Mann, der nicht mehr in Deutschland lebt und namentlich nicht genannt werden möchte. Uneheliche Kinder wurden damals stigmatisiert.

"Ab diesem Zeitpunkt begann für mich erst richtig die Hölle in meiner traurigen Kindheit", erzählt der 69-Jährige. "Wir waren als Kinder total der Sklaverei ausgeliefert und völlig isoliert von der Außenwelt und der Gesellschaft. Alle Kinder hatten eine Nummer, ich die 14, die in jedes Kleidungsstück eingenäht war."

Nach dem Besuch der damals sogenannten "Volksschule", ging es um 13 Uhr raus zum Arbeiten: "Kuhstall und Schweinestall reinigen, Jauchegrube leeren, Getreide auf den Heuboden mit Mistgabeln hochstapeln, Kartoffeln im dunklen Keller von den Keimen befreien, Kartoffeln schälen, Briketts und Kohlen in den Kohlenkeller bringen und sauber stapeln, Holz hacken, in der Gärtnerei Unkraut zupfen, in der Wäscherei mithelfen, die Mistgrube barfuß mit Mistgabeln leeren und vieles, vieles mehr."

Um 20 Uhr war Bettruhe, doch auch hier galten Regeln wie im Mittelalter: "Wenn man abends im Schlafsaal gesprochen hat und dabei vom Erzieher erwischt wurde, musste man barfuß und im Nachthemd draußen auf dem Heimhof im tiefen Schnee und eiskalten Wetter mehrere Runden laufen, bis man vor lauter Schmerzen schrie und weinte. Das machte den Erziehern Spaß", erinnert sich der Rentner. Immer wieder muss er darüber sprechen, immer wieder die erlittenen Misshandlungen schildern. 

Früher mussten die Kinder im Puckenhof bei der Landwirtschaft helfen. Etwa die Wiesen mähen und die Garben ordentlich aufstellen. Inzwischen verbotene Kinderarbeit. © Puckenhof e.V.


"Damals waren es extrem harte Zeiten für Kinder", sagt Martin Leimert, Leiter im Puckenhof. Es gab Kinder, die nicht einmal wussten, warum sie ins Heim gekommen waren. "Die Gerichte waren damals viel rigider bei Einweisungen". Leimert und Krause wollen helfen, die Erinnerungen sichtbar zu machen. "Wir wollen Ehemalige mit der Wahrheit konfrontieren", sagt Leimert. "Wissen über die Wahrheit kann dabei helfen, die Vergangenheit zu verarbeiten". Der Puckenhof bietet in solchen Fällen Beratung und Hilfe an.

Denn es hat sich viel geändert in der Jugendhilfeeinrichtung Puckenhof. Gab es zum Beispiel früher einen Betreuer für 25 Kinder, sind es heute fünf für acht Kinder. Wurden früher etwa Kriegswaisen ohne Rücksicht auf ihre Bedürfnisse in die Heime eingewiesen, besteht heute eine Partnerschaft mit dem jeweiligen Jugendamt, das für das Kind zuständig ist.

"Ohne Elternwille ist heute keine Unterbringung mehr im Puckenhof möglich", sagt Thomas Krause. War die Unterbringung früher zeitlich kaum begrenzt, sind es jetzt durchschnittlich zwei Jahre. "Die Kinder kommen überwiegend aus Problemfamilien oder sind Trennungskinder". Zurzeit leben 40 Kinder fest im Puckenhof, hinzu kommen noch 25 junge Flüchtlinge, die unterrichtet werden.

"Leben im Puckenhof wird als Ergänzung zur Familie gesehen", so Krause. "Wenn sich die familiären Umstände bessern, können die Kinder nach Absprache mit dem Jugendamt oder dem Gericht wieder in die eigene Familie zurück". 

Es ist Hilfe, keine Strafe mehr.

"Um 7 Uhr war Morgenandacht des Heimleiters im Speisesaal, anschließend gemeinsames Frühstück. Jeder hatte eine zerbeulte Zinntasse und zerbeulte Zinnteller. Wenn einer während des Essens gesprochen hatte, musste er im Saal auf Anleitung des Heimleiters, mit dem Kopf zur Wand in der Ecke stehen bis das Frühstück beendet war", erinnert sich der 69-Jährige ehemalige Schüler.

Als 15-Jähriger verließ er 1964 den Puckenhof, um Bäcker zu lernen. Eigentlich wollte er eine Ausbildung zum Instrumentenbauer machen. "Es gab aber keine Unterkunft für mich, also lernte ich Bäcker." Im Puckenhof ist der ehemalige Schüler namentlich bekannt.

Martin Leimert wiederholt sein Angebot: "Wir bieten auch psychologische Hilfe an." Es hat sich viel geändert im Puckenhof. 

EGBERT M. REINHOLD

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