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Herr Professor Brune, weshalb plädieren Sie für eine generelle Verschreibungspflicht bei Paracetamol?
Prof. Kay Brune: Bei Paracetamol handelt es sich um eine historische Substanz, deren Vorläufer vor 120 Jahren in Straßburg entdeckt wurde. Diese löste Nierenschäden aus. Auch das Folgeprodukt war zu giftig für den Menschen. Bei Paracetamol glaubte man jahrelang, es sei harmlos. Das ist jedoch falsch, denn bereits bei bestimmungsgemäßen Gebrauch kann es zu Leberschäden kommen. Im Raum steht auch die Gefahr des vermehrten Auftretens von Asthma bei Kindern, deren Mütter während der Schwangerschaft Paracetamol regelmäßig eingenommen haben.
Ab welcher Dosierung wird die Selbstmedikation mit diesem Arzneimittel gefährlich?
Brune: Pro Tag liegt die zulässige Dosis bei vier Gramm; das entspricht acht Tabletten. Viele Patienten beklagen jedoch, dass ihnen selbst die Höchstdosis bei Rücken- oder Kopfschmerzen kaum hilft. Die Gefahr, dass jemand dann die Dosis erhöht und sich dadurch Leberschäden zuzieht, ist groß.
Wie viele Fälle von Paracetamol-Vergiftungen sind aktenkundig?
Brune: Die Statistiken für die USA, England oder Skandinavien sind besser als die für Deutschland. In den zuerst genannten Ländern nehmen pro Jahr durchschnittlich 1000 Patienten eine Überdosis Paracetamol ein, etwa in 500 Fällen endet das mit dem Tod. Derartige Horrorzahlen sind in der Bundesrepublik zum Glück nicht zu beklagen. Aufhorchen lässt jedoch der Umstand, dass in den deutschen Notrufzentralen täglich bis zu fünf Anfragen zu den Gefahren oder möglichen Überdosierungen von Paracetamol gestellt werden.
Wie macht sich solch eine gefährliche Überdosierung denn bemerkbar?
Brune: Meist zeigen sich erst am zweiten Tag unspezifische Symptome: Man fühlt sich schlapp, muss sich vielleicht übergeben. Die Überdosierung fällt oft erst auf, wenn es eigentlich schon zu spät ist. Dann hilft in der Regel nur noch eine Lebertransplantation. Paracetamol-Überdosierungen gelten übrigens weltweit als Hauptursache für Leberversagen.
Wie hoch schätzen Sie die Missbrauchs-Rate in Deutschland ein?
Brune: Schätzungsweise sind pro Jahr einige Hundert Menschen betroffen. Häufig nehmen Patienten eine Überdosis jedoch aus Unachtsamkeit zu sich. Problematisch ist in diesem Zusammenhang, dass Paracetamol unter verschiedenen Namen verkauft wird, in Kombi-Präparaten oder Heißgetränken vorkommt.
Paracetamol wird bereits in kleineren Packungen als früher abgegeben. Solch eine Begrenzung auf eine Vier-Tages-Dosis schlägt die deutsche Arzneimittel-Zulassungsbehörde auch für andere freiverkäufliche Schmerzmittel vor. Was halten Sie davon?
Brune: Zum Teil stammt auch dieser Vorschlag aus meiner Feder. Wichtig ist mir jedoch weniger eine Begrenzung auf eine Vier-Tages-Dosis. Zumal der Verbraucher — wenn er dies denn möchte — in weiteren Apotheken zusätzliche Packungen kaufen kann. Zentral ist für mich vielmehr, dass die Verbraucher dafür sensibilisiert werden, dass es sich bei Schmerzmitteln nicht um harmlose Lutschbonbons handelt, sondern um wirkungsvolle Substanzen, die einen angemessenen Umgang erfordern.
Den Vorschlag, die Packungen zu verkleinern, unterbreitete die deutsche Zulassungsbehörde bereits im Herbst. Doch der Sachverständigen-Ausschuss bestehend aus Medizinern, Apothekern und Vertretern von Pharmafirmen entschied sich dagegen. Weshalb?
Brune: Im Detail kenne ich die Gründe nicht, da ich — ebenso wie der zweite Arzt und Pharmakologe in diesem Ausschuss — in der fraglichen Sondersitzung nicht anwesend war. Ich fürchte, dass der Antrag nicht ideal vorbereitet war. Ein Gutes hatte die Ablehnung jedoch: Ich kann mich nicht daran erinnern, dass im meiner 40-jährigen Laufbahn als Pharmakologe ein anderes Thema vergleichbar viel Resonanz in der Öffentlichkeit gefunden hat. Ich rechne damit, dass die Ausschuss-Mehrheit Ende Februar zustimmt, die Packungsgrößen von Schmerzmitteln zu vereinheitlichen — und damit die Abgabemenge verringert.
Die Hersteller können sich mit einem derartigen Schritt nur schwer anfreunden ...
Brune: Der Industrie entstehen durch die Verkleinerung der Packungen erhebliche Kosten. Gerade für kleinere Mittelständler, die ihr Hauptgeschäft vielleicht mit eins, zwei althergebrachten Schmerzmitteln machen, hat solch eine Veränderung weitreichende Konsequenzen, vor allem wenn sie noch viele Pillen in alten Packungen vorrätig haben. Mit Schmerzmitteln werden Jahr für Jahr in Deutschland fünf Milliarden Euro umgesetzt, davon 500 Millionen Euro mit rezeptfreien.
Unabhängig davon, wie die Entscheidung Ende Februar ausfällt: Wie sollten sich Bürger in puncto Schmerzmittel verhalten?
Brune: Ich will Schmerzmittel weder verteufeln noch verbieten. Jeder weiß, wie hilfreich sie — richtig dosiert — in gewissen Situationen doch sein können. Mein Wunsch ist vor allem, dass Verbraucher im Hinterkopf behalten: Das sind Wirkstoffe, deren Einnahme Risiken birgt.
