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Wie ein böser Traum: Nadja Pries scheitert bei der EM

Die BMX-Fahrerin des RC 50 Erlangen scheidet in Glasgow bereits im Vorlauf aus - 14.08.2018 10:15 Uhr

Nicht schnell genug: Nadja Pries scheitert bei der EM in Glasgow. © Foto: Kenny Hunter


Es war wie in einem Traum, einem Alptraum. Am Freitagabend lag Nadja Pries in ihrem Hotelzimmer auf dem Bett, sie wollte nirgendwo hingehen, nichts machen, bloß die Zeit zurückdrehen. Doch das geht natürlich nicht. "Man ist in einem schlechten Traum gefangen", sagt die 24-Jährige, Deutschlands beste BMX-Fahrerin, national ohne Konkurrenz, international jedoch gescheitert.

Bei den European Championships in Glasgow wollte sie ins Finale fahren, sie wollte allen zeigen, dass sie sich herankämpft an die Weltspitze. Dann aber schied Pries bereits im Vorlauf aus. Die Europameisterschaft, sagte sie vorab, "hat einen großen Stellenwert, neben der WM ist das der zweite Saisonhöhepunkt". Zwar war die Vorbereitung nicht ganz ideal, die Erlangerin studiert schließlich auch und hatte einige Prüfungen zu überstehen. Doch als das deutsche Team in Schottland ankam, "habe ich mich gut vorbereitet gefühlt".

Das Training auf der Strecke sei ebenfalls super gewesen. Im ersten Qualifikationsrennen aber war "komplett der Wurm drin", sagt Pries. "Manche Rennen laufen nicht so, wie man es sich vorstellt. Ich bin weit unter meinem Niveau gefahren." Wann sie das letzte Mal in einem Vorlauf ausgeschieden ist, "daran kann ich mich gar nicht mehr erinnern".

Ihr Trainer Wilco Groenendaal war nicht vor Ort, "wir haben nach dem Rennen aber stundenlang telefoniert", sagt Pries. Die Analyse, was schief gelaufen war, begann sofort. "Viele kleinere Fehler haben sich aufsummiert. Die erste Gerade bin ich nicht schnell genug, das ist eine Kraft-Sache", meint Pries. Beim Start, einer ihrer Schwächen, "habe ich mich schon extrem verbessert, doch auch das lief am Freitag nicht so, wie es sollte." Es gibt Punkte, an denen die Erlangerin, die 2016 bei den Olympischen Spielen auf Platz 14 gefahren ist, arbeiten kann.

"Wir machen jetzt schon einen Plan für nächste Saison", sagt Pries. "Kleinere technische Probleme kann ich auf der Bahn in Stuttgart beheben." Dort wurde eine neue BMX-Strecke gebaut, eine, die nun endlich auch internationalen Standards entspricht, die erste in Deutschland. Nadja Pries kann dort künftig regelmäßig trainieren.

Andere Dinge allerdings kann sie nur bedingt beeinflussen. Was ihr vor allem fehlt, ist ein Training mit anderen Fahrerinnen mit ihrem Leistungsstand. "Die anderen Fahrerinnen sehen sich gegenseitig als Maßstab".

Nadja Pries hingegen ist als Frau in diesem Sport in Deutschland ziemlich alleine. Sie ist das gewöhnt, trainiert immer schon nur mit Jungs. Doch im internationalen Vergleich ist das ein Nachteil. Auch deshalb braucht Pries meist ein, zwei Rennen auf Weltcup-Niveau, um gut in die Saison zu starten.

Das Problem in diesem Jahr: Der Rennkalender war extrem zersplittert. Die Weltmeisterschaft war bereits im Mai, seither gab es nur die Deutsche Meisterschaft, "da bin ich fast ohne Konkurrenz". Als die BMX-Fahrerin nun also in Glasgow an den Start ging, war ihr schnell klar, dass ihr der Renn-Rhythmus fehlt. "Ich bin immer besser, wenn ich viele Rennen fahre. Das bringt mir Erfahrung und Sicherheit."

"Es war ein schlimmes Gefühl"

Mit der langen Pause zwischen den Saisonhöhepunkten hatten auch andere Fahrer Schwierigkeiten. Als Ausrede möchte das Pries trotzdem nicht sehen. Sie weiß, dass sie es selbst verbockt hat. "Bei so einem Riesenevent ist das sehr ärgerlich", sagt Pries. Endlich gab es auch mal mediale Präsenz für ihre Sportart, sonst ist das nur bei Olympia in diesem Ausmaß der Fall. Dann im Vorlauf zu scheitern, "ist hart zu verkraften".

Noch am Freitagabend war die Erlangerin "in ein kleines Loch gefallen", Samstag fuhr sie trotzdem wieder zur BMX-Bahn im Knightswood Park, dem Parcours nordwestlich von Glasgow. "Zur Strecke zu fahren in Jeans und T-Shirt, ohne Race-Klamotten, war ein schlimmes Gefühl." Auf der Tribüne sah sich Pries die Rennen an, ihre Konkurrentinnen und auch die Männer. "Man versucht, das als Zuschauer zu genießen, trotz allem", meint sie, "doch man hat immer die Frage im Kopf: Warum stehst du nicht dort unten?"

Mit ihrer bisherigen Saison war Nadja Pries trotz Lernstress an der Uni zufrieden, sie wusste, dass an einem guten Tag das Finale drin sein kann. Ihr Ziel ist eigentlich, "konstant ins Halbfinale und Finale" zu fahren. "Innerhalb einer Saison geht das nicht", hatte sie jedoch schon vor der EM gesagt, innerhalb eines Jahres kann man nicht "an die Weltspitze springen".

Das mussten auch die deutschen Männer erfahren: Der gebürtige Erlanger Julian Schmidt kam wie sein Teamkollege Jonas Ballbach zumindest ins Achtelfinale. Doch dann war auch für sie Schluss. Nadja Pries musste beiden dabei schon zuschauen, auf der Tribüne, in Jeans und T-Shirt. Ein echter Alptraum. 

Katharina Tontsch Sportredakteurin in Erlangen E-Mail

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