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Freitag, 21.09.2018

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Familie von getöteter Sophia L. kritisiert Polizei scharf

Bruder sagt: "Mach deine Sache das nächste Mal besser, liebe Polizei!" - 29.06.2018 17:44 Uhr

Überall in Deutschland plakatierten Verwandte und Freunde von Sophia L. Suchanzeigen. © Andreas Sichelstiel


Es klingt wie die traurige Abrechnung einer Familie, die sich nicht ernst genommen fühlt. Mitte Juni verschwand Sophia L. spurlos, vier Tage später leitete die Polizei die Suche nach der jungen Frau ein - zu spät, wie die Familie und Freunde finden. In einem offenen Brief wenden sie sich jetzt an die Behörden. "Wenn das nächste Mal ein Mensch verschwunden ist und es von Anfang an völlig klar ist, dass ein Gewaltverbrechen vorliegen muss", heißt es dort, "dann streiten Sie sich bitte nicht tagelang mit sich selbst, welche Dienststelle zuständig ist." 

In der Tat waren es private Ermittlungen des Bruders von Sophia L., die die Polizei auf die richtige Spur führten. Andreas L. stellte selbst eine Ermittlungstruppe auf, die einen Laster ausfindig machte, in dem die 28-Jährige wohl mitfuhr. Eben jener marokkanische Fernfahrer gilt aktuell als dringend tatverdächtig, Sophia L. getötet zu haben. Erst in Spanien, nach einer etwa 2500 Kilometer langen Fahrt quer durch Europa, wurde er in Andalusien von Kräften der paramilitärischen Guardia Civil (Zivilgarde) gestoppt. Der 41-Jährige soll die Tat gestanden haben. 

Mit Schlauchbooten suchte die Nürnberger Polizei die Pegnitz bei Lauf nach der vermissten Sophia L. ab. © Markus Roider/Reporter 24/dpa


Das Verhalten der Polizei ärgert die Familie, das wird in jeder Zeile des offenen Briefes deutlich. Die Behörden, so die Kritik, hätten den Fall nicht ernst genommen, stattdessen "mit Verletzungen reagiert" - und sich auf Verordnungen berufen, die es nicht gibt. Was die Angehörigen damit konkret meinen, bleibt zunächst unklar. 

"Mach die Sache nächstes Mal besser, liebe Polizei!"

Besonders die Informationspolitik der Polizei sei schlecht gewesen, kritisiert die Familie. "Bringen Sie das nächste Mal dem Opfer, seinen Angehörigen und Freund*innen einfach Ihre ganze Empathie und Ihr volles Engagement entgegen", heißt es dort. "Auch wenn es gerade auf ein Wochenende zugeht." Andreas L., der Bruder der Getöteten, betont auf Facebook aber auch, dass man in den Wochen der Suche und des Wartens durchaus auch "wunderbare Polizisten" kennengelernt habe, doch auch er sagt: "Mach deine Sache das nächste Mal besser, viel besser, liebe Polizei!" Auch er habe sich alleine gelassen gefühlt. 

Die Polizei in Leipzig, sowie das Präsidium Oberfranken, das die Ermittlungen derzeit leitet, wollten am Freitag nicht auf die Kritik eingehen. Erst am Montag könne man sich äußern, sagte ein Sprecher in Sachsen, man kenne die Vorwürfe der Familie gar nicht genau.  

Mit der Leiche an Bord durch Europa

Der Druck, unter dem die Familie stand, lässt sich nur erahnen - wochenlang tappten auch sie nur im Dunkeln. Erst am Freitag, 15 Tage nach dem Verschwinden von Sophia, ergab eine DNA-Analyse: Bei einer Leiche, die in Nordspanien gefunden wurde, handelt es sich um die junge Deutsche. Über GPS-Daten aus dem Laster glaubt die Polizei, den genauen Tathergang rekonstruieren zu können. An der Raststätte Schkeuditz bei Leipzig stieg die 28-Jährige zu dem Fernfahrer, der sie wohl irgendwo in Oberfranken getötet haben muss. Das zumindest ist die wahrscheinlichste Theorie der Polizei.

Mit der Leiche an Bord fuhr der Mann dann quer durch Europa, lud sie an einer Raststätte im Baskenland ab. Der Körper sei teilweise verbrannt gewesen, teilte die spanische Polizei mit, habe Spuren von Gewalteinwirkung aufgewiesen. Der DNA-Abgleich, eine Art genetischer Fingerabdruck, räumte jetzt letzte Zweifel aus. 

Sophia L. hatte Verbindungen in die Region

Für die Polizei ist die Arbeit jedoch noch lange nicht beendet. Zwei Beamte der oberfränkischen Behörden reisten nach Spanien, um dort zu ermitteln. Auch Kräfte des Bundeskriminalamtes (BKA) und Verbindungsbeamte der EU-Agentur Eurojust, einer Art europäischer Jusitzbehörde, waren vor Ort. Derzeit arbeitet die Staatsanwaltschaft Bayreuth an der Auslieferung des Verdächtigen - er soll in Deutschland vor Gericht gestellt werden. 

Sophia L. wurde in Amberg geboren, hatte enge Verbindungen in die Region. Studiert hat die junge Frau in Bamberg, zur Schule ging sie in Hersbruck im Nürnberger Land. Immer wieder trampte sie zwischen ihrem Wohnort Leipzig und Franken.

Der Fall Sophia - eine Chronologie der Ereignisse:

(Sollten Sie die Grafik nicht sehen, dann klicken Sie bitte hier) 

Tobi Lang Online-Redakteur E-Mail

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