Dienstag, 25.09.2018

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Lindelburg: Elke Ailenofe beschäftigt historischer Kindsmord

Warum tötet ein Vater sein eigenes Kind? - Suche im Archiv des Boten - 02.06.2018 15:26 Uhr

Elke Ailenofe durchforscht eine Ausgabe aus dem Jahr 1897. © Herold


Das Hopfenfest war wieder ein wahnsinniger Abend. Die Stimmung war klasse, genau wie das Bier. Zum Abschluss bittet Konrad seinen Bruder Stefan noch um einen Gefallen. "Steh einfach nur Schmiere", lallt Konrad. "Wozu", fragt Stefan, erhält allerdings keine Antwort. Benebelt von zahlreichen Bieren stimmt Stefan zu. Sie wanken zum Luberhof, lehnen eine Bank ans gegenüberliegende Haus und sehen sich nach unerwünschten Zuschauern um. Konrad kraxelt die steile Leiter nach oben.

Parallel beginnt es zu regnen. Bereits den ganzen Abend über zog sich ein Sommergewitter zusammen, doch nun legt es richtig los. Konrad hat Probleme mit der nassen Leiter: Er rutscht zwei Stufen hinab, doch fängt sich wieder. "Drecks Gewitter", ruft er seinem Bruder zu. Der Donner grollt am Himmel, während Konrad das Fenster erreicht. Eine Zeit lang hört Stefan außer dem plätschernden Regnen nichts, bevor Schreie und Gekreische aus dem Zimmer, in das Konrad eingestiegen ist, hallen.

Seit 17 Jahren auf der Suche

Über 120 Jahre später sitzt Elke Ailenofe ausgerüstet mit Digitalkamera, Taschenlampe und Lesebrille im Besprechungsraum der Redaktion. Vor ihr liegt der Archivband des Boten aus dem Jahr 1897. Sie wuchs selbst bis zu ihrem fünften Lebensjahr im Nürnberger Land auf, in Diepersdorf. Über Nord-Rhein-Westfalen, Sauerland und Passau landete sie im Alter von 21 Jahren in Heidelberg, wo sie einen Amerikaner heiratete. Mit diesem lebte sie in den USA und Italien. Inzwischen wohnt sie in Stuttgart und arbeitet als Supportmitarbeiterin bei einem Automobilzulieferer.

Seit 17 Jahren ist Ailenofe auf der Suche nach Antworten. Damals erzählte ihre Mutter die schaurige Geschichte. Den ganzen Tag habe sie sich für die Recherche im Archiv Zeit genommen.

Dreht sich alles nur ums Geld?

Sie hat Fragen zu jener Nacht, in der ihr Ururonkel seine uneheliche Tochter, die erst zwei Jahre, einen Monat und zwölf Tage alt war, erdrosselte. Wieso tötete er seine uneheliche Tochter Anne-Marie Lampersdörfer am 15. September 1897? Ihre Ururgroßmutter Kunigunde Holzammer war wohl auch in den Mord verwickelt. Sie ist die Mutter der Holzammerbrüder und wurde in Untersuchungshaft genommen, doch nach kurzer Zeit wieder freigelassen. Kurz darauf nahm sie sich das Leben. In welcher Verbindung stand sie zur Tat? Und warum erhängte sie sich? Sie sei eine sehr starke Frau gewesen, habe ihre Mutter erzählt. Nachts trieb sie beispielsweise alleine die Bullen auf die Wiese. Allerdings war sie genauso stolz wie stark und "wollte nicht, dass ihre Kinder unter dem erworbenen Reichtumsstand heiraten", sagt Ailenofe. Diese Vermutung wurde ihr von ihrer Mutter überliefert.

Der Verdacht wird durch einen Zeitungsbericht im Boten vom 21. September 1897 zumindest zum Teil bestätigt. "Holzammer soll bekanntlich sein Kind erdrosselt haben, um sich vor der Verheiratung von der Alimentenzahlung loszumachen", heißt es in einer Kurzmeldung. Vier Tage zuvor wurde von der Festnahme durch die "Feuchter Gendarmerie" geschrieben. Wie Ailenofe erklärt, habe der Mörder seinen Bruder, der Schmiere stand, nicht eingeweiht. Stefan Holzammer wurde somit nur zu einer geringen Strafe verurteilt, heiratete danach, doch nahm sich schließlich auch das Leben.

Der Drang zur Wahrheit

Konrad Holzammer heiratete nach seiner Haft, bekam eine Tochter und kaufte sich in Leinburg über Jahre hinweg drei Häuser. Das finanzierte er hauptsächlich durch die Erlöse des Luberhofes, der nach dem Selbstmord der Mutter verkauft wurde. "Ich habe den Drang, die Wahrheit zu erfahren", erklärte Ailenofe ihre Beweggründe: "Seitdem ich damit angefangen habe, will ich alles wissen." Es sei extrem spannend, sagt sie. Sie wolle zudem ihre Vorfahren besser kennen lernen und ihre Handlungen verstehen. Auch mit ihrer bisherigen Ausbeute sei sie zufrieden. "Der Besuch beim Boten hat mich der Wahrheit einen Schritt näher gebracht."

Neben dem Kindsmord hat sie sich auch über ihre Vorfahren informiert, die in die USA ausgewandert sind und deren Kinder, Enkel und Urenkel gefunden. Den kompletten Familienstammbaum hat sie soweit wie möglich mit Hilfe einer eigenen Datenbank veranschaulicht.

Wer über weitere Informationen zum Kindsmord verfügt, kann sich gerne per E-Mail an redaktion@der-bote.de wenden. Die Redaktion leitet Hinweise und Kontaktdaten gerne an Elke Ailenofe weiter. 

Lukas Herold

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