Dienstag, 16.10.2018

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Ärger um geplantes Krematorium in Igensdorf

Angst vor "satten Nervengiften" — Interessengemeinschaft gegründet - 30.11.2017 12:00 Uhr

Ein Blick in den Ofen des Krematoriums in Nürnberg. © Archivfoto: Michael Matejka


Ein Igensdorfer Unternehmer hat Interesse an einem Grundstück im Gewerbegebiet "Im Steinbühl". Eine Anfrage für den Kauf von 3500 Quadratmetern Fläche liegt vor, mehr bisher nicht. Das sagt Igensdorfs Bürgermeister Wolfgang Rast. Über alles Weitere entscheide der Gemeinderat, frühestens bei seiner Sitzung im Januar. Vorher will Rast die Meinung bei den jährlich stattfindenden Bürgerversammlungen einholen. Es geht darum, auf einem Teil dieses Grundstücks, in der Nähe zur Nachbargemeinde Weißenohe, ein Krematorium zu errichten.

Die Bürger begrüßten diese Idee auf den Versammlungen in den Ortsteilen des Marktes bisher. Doch nun scheint sich der Wind zu drehen und er weht aus Weißenohe entgegen. Dort hat sich unter der Führung von Ludwig Haas eine IG gegründet. Ihr Ziel: Den Bau eines Krematoriums zu verhindern. "Wir werden den Druck so lange aufrechterhalten, bis der Unternehmer von seinen Plänen abrückt oder der Gemeinderat eine Entscheidung trifft."

In der IG aktiv ist auch Gerda Wittmann-Kögel, Ärztin aus Weißenohe mit Praxis in Igensdorf. Sie spricht von giftigen Ausstößen, die beim Verbrennen durch die Schornsteine entweichen und das Immunsystem blockierten. Im Blick hat sie Quecksilber und Schwermetalle, die freigesetzt werden. Es handle sich um "satte Nervengifte".

Sorge um Kinder

Der Westwind trage die Emissionen gen Weißenohe und die Hügel in der Umgebung hielten diese fest. Auf die vorgeschriebenen Filter in den Anlagen, die gesetzliche Grenzwerte einhalten sollen, vertraut sie nicht. "Am Ende kommt trotzdem etwas aus dem Schornstein heraus."

Sorgen macht sich auch Elisabeth Wenkemann, Mutter aus Weißenohe. "Zwei Kindergärten befinden sich in der Nähe. Ich möchte dann nicht mehr, dass mein Kind außen spielt."

Erfahrungen mit Feuerbestattungen (siehe gelber Kasten) hat Nürnberg mit seinem Krematorium auf dem Westfriedhof. Von dort heißt es: "Bei Messungen liegen die Werte regelmäßig unter der Nachweisgrenze." Geregelt sind diese in der Bundesimmissionsschutzverordnung.

Um das Rauchgas zu reinigen, setzt Nürnberg auf eine Mischung aus Herdofenkoks und Kalk. Mit dieser Art Aktivkohlefilter erreiche die Stadt einen Reinigungsgrad, der weit über den bisher gültigen rechtlichen Anforderungen liege. Ein Störungsfall sei seit dem Neubau im Herbst 2012 nicht eingetreten.

Tritt dieser ein, dann greife laut Haas die sogenannte Bypassfunktion, "die einen ungefilterten Ausstoß der Schadstoffe ermöglicht".

Wittmann-Kögel und die IG stören sich zudem an der "pietätlosen" Lage im Gewerbegebiet. Ein Krematorium gehöre zu einem Friedhof, Angehörigen sei die Umgebung "Im Steinbühl" nicht zuzumuten.

Vor allem befürchten die IG-Mitglieder einen "Leichentourismus" aus dem gesamten Landkreis und darüber hinaus und sehen eine Welle an Bestattungswagen auf den Markt zurollen. Einen Wertverlust für Immobilien und Einbußen im heimischen Tourismus halten sie für möglich.

Zum ersten Mal mit dem Bürgermeister gesprochen hatte die IG bei der Versammlung in Stöckach am Dienstag. Haas lobt Rast, das Vorhaben "sehr offen und neutral" vorgestellt zu haben. "Einiges konnte im Gespräch geklärt werden", sagt Haas. Dazu gehöre, dass für den Bau noch keine konkreten Pläne vorliegen, sondern lediglich eine Anfrage über einen Grundstückskauf.

"Reißerische Diskussion"

Kalkuliert habe der Unternehmer zirka 1600 Einäscherungen pro Jahr, sagt Rast. Ob ein Krematorium kommt, sei trotz der Berechnung "Zukunftsmusik". Jetzt sei eine reißerische Diskussion in Gang gesetzt worden, die er vermeiden wollte. "Ein paar der anwesenden Gemeinderäte haben die massiven Gegenargumente beeindruckt." Diese werden in die Entscheidung des Rates einfließen.

Kritische Stimmen zu einem möglichen Bau kommen nicht nur von der IG. Für die Stadt Nürnberg stellt sich Kämmerer Harald Riedel die Frage, "warum in der Region ein zusätzliches Krematorium gebaut werden soll". Dieser Bedarf sei nicht vorhanden, der bisherige könne über Nürnberg gedeckt werden. 

Patrick Schroll Redakteur Nordbayerische Nachrichten Forchheim E-Mail

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