Montag, 10.12.2018

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Darüber spricht man nicht

Der Chor Messa di Voce beeindruckt mit musikalischen Tabubrüchen - 30.10.2011 18:15 Uhr

Sie weckten die verborgenen Kräfte gefährlicher Geister: die Sänger von Messa di Voce. © Güldner


Und bricht dabei selbst so manches Tabu auf der Bühne. Darf man ästhetisch schön über schreckliche Dinge singen? Darf Blasphemie Spaß machen? Die knapp 30 männlichen und weiblichen Stimmen singen sich durch rhythmisch und melodisch diffizile Takte und zerren berühmte Stücke so ans Tageslicht, dass deren oft mehr als zwischenzeilige Botschaft auch verstanden wird.

Etwa Transsexualität, Drogen, männliche Prostitution und Oralsex in Lou Reeds „Walk on the wild side“. Oder das sinnlose Morden in Johnny Cashs „Folsom Prison“. Und nicht zuletzt Tracy Chapmans aufrührerisches „Talkin’ bout a Revolution“, in dem die Armen den Aufstand proben.

Die Akustik des Jungen Theaters vergibt keine Fehler. Weshalb ein bis in die Fingerspitzen motivierter Chorleiter Ingo Behrens auf eine geradezu pedantische Textverständlichkeit Wert legt. Und auf eine beängstigende Beweglichkeit der Stimmen, die vom gehauchten Piano, über ein fantastisches Decrescendo, bis hin zum gespenstischen Pianissimo brillieren.

„Mit den teilweise sehr alten Stücken wollen wir zeigen, dass es früher oft nicht anders war als heute. Dass wir gegen den Verfall der Normen und Werte aber dennoch kämpfen müssen“, so Ingo Behrens, nachdem eine altniederländische Ballade über einen auf seine Hinrichtung wartenden Kaufmannssohn erklungen ist.

Definition variiert nach Sichtweise

Ob es in unserer Zeit überhaupt noch Themen gibt, die „political incorrect“ sind, wie man tabu heute übersetzen würde? „Viele Tabus sind uns wohl gar nicht bewusst. Da hat jeder wohl auch andere Vorstellungen.“

Taktlos wirkt Messa di Voce aber keineswegs. Die Gesangsformation gestaltet ihre Interpretationen plastisch, effektvoll und doch nicht vordergründig – vielmehr abgründig. Kein kuscheliger Rock, kein energiegeladener Gospel, kein romantisch-erhabenes Liedgut. Dafür fast klinische Studien zur Täter-Opfer-Beziehung und eine wunderbar morbide Atmosphäre, in der Selbstmord à la Ludwig Hirsch gesellschaftsfähig werden könnte.

Wer ahnt schon, dass Sting beim „Moon over Bourbon Street“ als notgeiler Stalker einem jungen Mädchen nachsteigt? Ein organisch wirkendes Ensemble, das Linien überschreitet, und die Zuhörer staunend zurücklässt. Auch was die solistischen Leistungen angeht, etwa eines Alexander Sauer in Falcos „Jeanny“, der mit diabolischem Timbre aus der Sicht eines Verbrechers erzählt. Philosoph Ludwig Wittgenstein meinte: „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“ Singen darf man. Aber nur so, wie Messa di Voce es macht.

Am Samstag, 12. November, um 20 Uhr, gibt es im Jungen Theater eine weitere Möglichkeit, Messa di Voce zu hören. 

UDO GÜLDNER

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