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Der Biber erobert den Landkreis langsam zurück

Willkommener Helfer sorgt für Konflikte - Fleißiger Burgenbauer - 12.08.2017 18:00 Uhr

Der Biber kann bis zu einen Meter lang werden. © Bund Naturschutz


In der sengenden Hitze plätschert die Trubach durch ihr selbst geschaffenes Tal. Schlängelt sich vorbei an Wiesen, Bäumen und Feldern. Ein Haufen Reisig stellt sich dem Bach in den Weg. Nicht zufällig, sondern bewusst. Was auf den ersten Blick wie ein Berg aus wahllos zusammengewürfelten Ästen und Zweigen wirkt, ist die Heimat eines wahren Bauingenieurs.

Die Burgen aus Holz sind nicht nur die Heimat des Bibers, sondern auch Wegmarken eines Siegeszuges, auf dem sich das einst ausgerottete Tier befindet. Bescheiden gibt sich das Säugetier, denn obwohl es den Landkreis Forchheim langsam zurückerobert, zeigt es sich nur selten bei einem Landgang oder während des Tages. Wenn sich die ersten Sterne des Nachthimmels in der Trubach spiegeln, bricht für das nachtaktive Tier der Tag an.

Horst Schwemmer hat nicht nur ein Herz für die steinernen Burgen in der Fränkischen Schweiz. Als Bibermanager für Nordbayern ist der Nürnberger auch aus tierisch-beruflichen Gründen in der Natur unterwegs.

Auch in Gößweinstein hat der Biber dieses Jahr bereits genagt. © Paul Pöhlmann


Schwemmer hat direkt vor dem Burgherren mit einer schwarz-weißen Karte Position bezogen. Nur rote Punkte verleihen dem Landkreis Forchheim Farbe. Jeder Punkt zeigt eine Biberburg.

"Er wandert langsam wieder zurück", sagt Schwemmer. Über die Flussarme, die sich durch die Fränkische Schweiz ziehen, "kehrt eine einheimische Tierart wieder zurück". Seit 2013 ist er entlang der Trubach, von seinem Stützpunkt an der Wiesent aus, auf dem Vormarsch.

Betörende Duftnote

Der "Baumeister", wie Schwemmer die Ingenieurleistungen des bis zu einem Meter langen Tiers bezeichnet, ist nach seiner Ausrottung in Bayern 1867 nicht vom Himmel gefallen. Gut 100 Jahre nach seinem vorläufigen Aussterben bürgerte der Bund Naturschutz ihn wieder ein und setzte damit ein Ziel des bayerischen Landwirtschafts- und Umweltministeriums in die Tat um (siehe gelber Kasten).

Damals war der Biber wegen seines Pelzes und seines Fleisches, gerade als Fastenspeise zwischen Aschermittwoch und Ostern, bei den Menschen begehrt. Auch das Bibergeil, ein Sekret des Tieres, war für Arzneimittel verwendet worden und in der Parfümerie wegen seiner aphrodisierenden Wirkung als vermeintlich betörende Duftnote heiß begehrt.

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Heute zählt das Tier zu den besonderes als auch zu den streng geschützten Arten. Denn: sein Werk spart dem Staat Millionen, schenkt der Natur Vorteile und den Landwirten ein natürliches Bewässerungssystem. So sieht es jedenfalls der Bund Naturschutz.

Wenige Bachkilometer aufwärts in Untertrubach demonstriert Bibermanager Schwemmer die Arbeit des Säugetiers. Auf drei Meter hat der fleißige Nager die Trubach gezähmt. Sein Damm aus Gehölz lässt das Wasser zwar plätschern, staut es gleichzeitig aber auf. Den erhöhten Wasserspiegel nutzt nicht nur der Biber, um aus der trockenen Burg direkt in die schützende und nahrungsvolle Tiefe des Baches einzutauchen. "Gleichzeitig schafft der Biber damit Lebensraum für eine Vielzahl von Tieren", sagt Schwemmer und führt eine Studie aus den Landkreisen Ansbach und Weißenburg-Gunzenhausen an. Ursprünglich trockengelegte Auen vernässen durch das gestaute Wasser wieder. Einst einheimische Libellenarten kehren unter diesen Voraussetzungen wieder zurück. Zählten die Forscher ursprünglich vier unterschiedliche Arten in dem Gebiet, wuchs die Zahl auf 28 an. Die renaturierten Flächen nutzen auch besonders anspruchsvolle Tierarten wie die Wasserralle, der Eisvogel oder der Zwergtaucher, so Schwemmer. Insgesamt 73 Pflanzen- und Tierarten profitierten vom Biber, führt der Bund Naturschutz an.

Kehrseite der Medaille

Doch die Kehrseite dieser Medaille spüren zunächst die Landwirte. Nicht nur an Holz, sondern bei knurrendem Magen auch an Mais knabbert der Biber und sorgt für Schäden. Die Dämme, die bei Starkregen eine großflächige Überschwemmung im Zaum halten, sorgen entlang des aufgestauten Flusses für durchnässte Böden entlang des Ufers. Schlecht für Getreide oder Mais, weniger schlimm für Wiesen.

Zusammen mit dem nordbayerischen Bibermanager Horst Schwemmer (links) vom Bund Naturschutz berät Wilfried Schwarz als ehrenamtlicher Biberberater für den Landkreis Forchheim bei Konflikten zwischen Tier und Mensch. © Berny Meyer


Für Biberschäden erhalten die Landwirte eine Entschädigung. Rund eine halbe Million Euro stellt der Biberfond aus dem Hause des bayerischen Umweltministerium daher jährlich zur Verfügung. Im Landkreis Forchheim kümmert sich Wilfried Schwarz um den Ausgleich zwischen Mensch und Tier. Als Biberberater des Landkreises fasst er ein positives Fazit: "Die Gespräche mit den Landwirten verlaufen meist gut."

2016 erhielten die Landwirte im Kreis 5577 Euro für Schäden, die der Biber angerichtet hat. 74 Prozent der gesamten Schadenssumme konnte gedeckt werden. Für eine vollständige Erstattung fordert der Bund Naturschutz eine Erhöhung des Fonds auf 800 000 Euro bayernweit.

Dieser Summe stellt Bibermanager Schwemmer die Zahl von 16,5 Millionen Euro gegenüber. Dies sei der Gegenwert für die Arbeit des Bibers, mit der er Biotope ganz natürlich erschaffe und dem Freistaat somit Kosten erspare. "Der Biber stellt keine Rechnung."

Zudem spricht sich die Naturschutzorganisation für eine zehn Meter breite Pufferzone entlang von Flussgewässern aus, wie es bereits in anderen Bundesländern gesetzlich vorgegeben sei. In dieser solle maximal eine Wiesenbewirtschaftung Konflikte mit Landwirten auf ein Minimum reduzieren.

Gefängnisstrafe droht

Biberberater Schwarz sieht die Zukunft des Bibers positiv. "Gerade bei den jüngeren Landwirten findet ein Umdenken statt. Sie erkennen den Wert des Tieres." Fälle, in denen Biberbauten zerstört werden, kämen fast nicht vor. Mit fünfstelligen Bußgeldern bis hin zu Gefängnisstrafen könne der Gesetzgeber reagieren.

Abschüsse der Tiere sind nur in Notfällen erlaubt und bereits mit Genehmigung der Unteren Naturschutzbehörde im Naturschutzgebiet Haarweiherkette in Haid, ein Ortsteil von Hallerndorf, erfolgt, schildert Schwemmer. Grundsätzlich gebe es keinen Grund, von Menschenhand einzugreifen, denn die Population des Bibers regele sich von selbst. Optimistisch blickt er deshalb in die Zukunft: "Der Biber erobert sich sein Revier zurück."

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PATRICK SCHROLL

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