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Fußball-Wissenschaft wagte in Neunkirchen den Praxistest

Bayernweit einzigartiges Experiment kindgerechter Trainingsgestaltung - 17.07.2015 13:00 Uhr

Sportwissenschaftler Matthias Lochmann (re.) erklärt, im Hintergrund versuchen sich die Jugendlichen an der Umsetzung der Übungen (siehe Grafik), die sie einmal zu besseren Fußballern machen sollen. © Foto: Edgar Pfrogner


Der mühsame Anfang läuft so ab, wie es laut Professor Matthias Lochmann nicht mehr sein soll. Ein Erwachsener redet, erklärt und dirigiert minutenlang, manche der 50 Kinder im Alter von drei bis dreizehn Jahren (G- bis D-Junioren) würden gerne lieber einfach zu spielen beginnen. Die ausführliche Einleitung aber an diesem Abend gilt den Zuschauern, die der Erlanger Sportwissenschaftler eingeladen hat.

Ein paar Dutzend Trainer, interessierte Eltern und Sportlehrer sind gekommen. Lochmann möchte eine seit den 1980er bestehende alternative Trainingsform für den Jugendfußball (wir berichteten) bekannter machen. Die Felder und Tore seien selbst im Kleinfeldbereich noch viel zu groß für den Aufmerksamkeits- und Gestaltungshorizont der Kinder. In kleineren Gruppen und einem Umfeld ohne feste Positionen und starrer Ergebnisorientierung soll eine bessere spielerische Entwicklung erzielt werden. Ständige Anweisungen eines Trainers, die vielerorts nur zu noch mehr Überforderung beitragen, sollen überflüssig werden.

Die Theorie hört sich auf den ersten Blick für manchen Beobachter kompliziert an und sieht auf dem Rasen zunächst auch unübersichtlich aus. Auf sechs Feldern wird mal auf vier Tore, mal auf zwei diagonal gegenüberliegende gespielt und mal führt der Weg wie beim Eishockey von hinten ans Ziel heran. Nach zwei Musiktiteln und sechs Minuten werden die Stationen gewechselt — und die Maschinerie arbeitet immer flüssiger.

„Ich habe es noch nicht ganz verstanden, aber nach der gestrigen Generalprobe sieht das schon zielgerichtet aus. Die Idee, die Kinder selbst manche Lauf- und Passwege erlernen zu lassen, finde ich gut. Es müsste wahrscheinlich nur oft genug geübt werden“, sagt eine Mutter.

Alle sind beteiligt

Nach einer Viertelstunde hat ein G-Junioren-Betreuer aus Dechsendorf bereits mehrere Notizen auf seinem Zettel stehen. „Ich finde es gut, dass in den kleinen Gruppen alle am Spiel beteiligt sind und es wenig Alleingänge gibt. Spielformen auf vier Tore machen wir auch, die diagonale Variante habe ich noch nicht ausprobiert“, erklärt er und will später von Organisator Lochmann wissen, ob er das klassische Abschlussspiel im Training noch durchführt. Der Idee nach wäre es überflüssig, würden da nicht die Punktspiele des Verbandes nach eben jenem Schema ablaufen. Diese pragmatischen Zweifel bringt auch ein frischgebackener Jugendtrainer des FSV Erlangen-Bruck an: „Manche Varianten sind auf jeden Fall interessant. Aber so strikt nach System machen wir es halt noch nicht, weil der echte Spielbetrieb anders abläuft.“ Man müsse ja nicht sämtliche Übungen übernehmen, finden zwei junge Übungsleiter vom FC Dormitz: „Für uns ist das auch nicht völlig neu. Der Ansatz, dass jeder Spieler so viel wie möglich Ballkontakte hat, ist aber der zentrale Punkt, den wir beibehalten wollen.“

Interessiert verfolgt auch Björn Benke, der im Nachwuchsleistungszentrum des 1. FC Nürnberg für die U10 bis U13 zuständig ist, das Treiben. „Wir begrüßen diese Initiative natürlich, weil wir so besser ausgebildete Spieler in unsere Mannschaften bekommen. Unsere E- und D-Junioren trainieren nach diesem Konzept, aber auch kleinere Vereine und sogar Schulen im Sportunterricht können es umsetzen. Obwohl es anfangs wild aussehen mag, es fördert die Spielintelligenz“, konstatiert Benke. Wiewohl es dem Nürnberger Fachmann schwer fällt, das Zustandekommen der Ergebnisse im Auge zu behalten, betont er: „Ganz ohne den sportlichen Wettbewerb geht es nicht. Die Kinder wollen sich immer vergleichen und wissen, wer gewonnen hat.“

Matthias Lochmann hat nach der knapp einstündigen Vorstellung über 200 Tore zusammengezählt: „Ich glaube, jeder ist mit einem guten Gefühl nach Hause gegangen. Uns hat nur eine Generalprobe genügt, um die Mannschaftsbetreuer in den Ablauf einzuweisen. Da lief es noch holpriger, aber mit dem Turnier bin ich total zufrieden. Alles, was wir zeigen wollten, ist gelungen. Die Auffassungsgabe der Kids ist phänomenal. Die kindgerechten Übungen sind praxistauglich, in jedem Verein.“

Mit seinem Team am Lehrstuhl will der Sportwissenschaftler die Veranstaltung im Detail aufarbeiten und dann die nächsten Schritte angehen. „Wir werden das Angebot machen, vor Ort Probetrainings anzuleiten und wollen dann zusammen mit den Vereinen austüfteln, unter welchen Voraussetzungen sich das Konzept zum Beispiel bei Turnieren dauerhaft institutionalisieren lässt.“

www.fussball4punkt0.de 

KEVIN GUDD

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