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Freitag, 16.11.2018

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In Kirchehrenbach soll eine "Senta" entstehen

Mit einem Pilotprojekt gegen den Pflegenotstand - 20.05.2018 14:00 Uhr

Miteinander statt alleine: Einsamkeit im Alter ist eines der Probleme, dass durch Seniorentagesstätten gelöst werden kann. Die Einrichtungen sollen ein Ort der Begegnung sein — und zwar vor Ort. © Rald Rödel


Was das Personal für ambulante Pflegedienste betrifft, da liegt der Landkreis Forchheim deutlich über dem Mindestbedarf – wie aus dem „seniorenpolitischen Gesamtkonzept“ des Landratsamtes hervorgeht.
So hat sich in den letzten fünf Jahren die Zahl der ambulanten Kräfte von 175 auf 323 erhöht. 121 davon sind gelernte Pfleger in Vollzeit – 38 mehr als es mindestens sein müssten. Im Bereich der Tagespflege zählt der Landkreis sogar zu den bayernweiten Spitzenreitern: 155 Plätze gibt es und weitere sollen 2018 in Neunkirchen und Gößweinstein entstehen.

Das alles klingt erst mal nicht nach Krise – allerdings bilden diese Zahlen nur einen Teil der Wahrheit ab. Weil Altenpflege mehr umfasst als ambulante oder teilstationäre Dienste: Viele Menschen müssen dauerhaft in Altenheimen betreut werden, wenn sie beispielsweise schwer an Demenz erkranken, nicht mehr in der Lage sind, ihren Alltag selbst zu bewältigen und die Belastung für Angehörige zu groß wird.

Doch stationäre Plätze sind im Landkreis Mangelware, Pflegeheime werden eher abgerissen, denn neu gebaut. Und ganzjährige Kurzzeitpflege-Plätze? Gibt es inzwischen gar keine mehr!
Dazu gesellt sich der (Pflege-)Fachkräftemangel und der alles überwiegende Faktor Zeit: Über 90 Prozent aller Menschen, die bei uns betreut werden müssen, sind älter als 65 Jahre. Mehr als ein Drittel davon ist sogar älter als 85 – und die Zahl dieser hochbetagten Menschen steigt stark. Der Pflegenotstand, er ist auch im Landkreis Forchheim angekommen.

Am anderen Ende

„Ja, so ist es“, sagt Angelika Fuchs. Sie muss es wissen: Denn die 64-Jährige ist nicht nur Vereinsvorstand der Kirchehrenbacher Seniorengemeinschaft Ehrenbürg, sondern auch im Kreisseniorenring aktiv. Seit 1982 lebt die gebürtige Berlinerin am Fuße des Walberla. Und Fuchs hat eine Idee: Eine Einrichtung, die sich in ihren Strukturen an einer klassischen Kita orientiert, nur eben am anderen Ende des Altersspektrums – eine Seniorentagesstätte, kurz: Senta.

Angelika Fuchs. © Ralf Rödel


Schon der Blick ins Internet genügt, um zu ahnen, dass es solche Sentas zwar schon gibt (beispielsweise in Baden-Württemberg und NRW). Doch sind sie entweder an bestehende große Pflegehäuser als Zusatzangebot angeschlossen oder aber private Einrichtungen, die so nur vereinzelt zu finden sind, dass sie im öffentlichen Diskurs eigentlich gar nicht existieren.

Angelika Fuchs denkt die Idee anders – und vor allem größer: Ginge es nach ihr, könnte künftig jede Gemeinde im Landkreis eine Senta beherbergen.

Vorbeugende Maßnahmen

Was genau man sich darunter einer Seniorentagesstätte vorstellen muss? „Ein niedrigschwelliges und vor allem präventives Angebot“, sagt Fuchs. „Niedrigschwellig“ soll heißen: eine offene Begegnungsstätte für Senioren, die zu jeder Zeit in die Einrichtung kommen beziehungsweise gebracht werden können – ohne bürokratischen Aufwand, lange Warteliste oder -zeiten.

Mit „präventiv“ meint Fuchs, dass ältere Menschen, die vielleicht schon leicht dement sind, durch spezielle Angebote (zum Beispiel Gedächtnistraining, Spiele, gemeinsames Kochen, Gymnastik, Sturzprophylaxe) vorbeugend zu helfen. „Sozusagen als Vorstufe zur Pflege“, ergänzt die 64-Jährige. Denn eines stellt sie klar: eine Senta sei keine Pflege-Einrichtung, sondern vielmehr ein Unterstützungsangebot. „Wir sind da keine Konkurrenz zur richtigen Tagespflege“, so Fuchs. Jede Institution sei wichtig – „und alles zu seiner Zeit“.

Die Senta stehe für eine kostengünstige Anfangsalternative zu intensiveren Betreuungsmaßnahmen. „Am wichtigsten ist mir dabei, dass eine Senta vor Ort verhindert, dass Menschen im Alter vereinsamen – oder aus ihrem sozialen Umfeld herausgerissen werden, wenn sie in ein Pflegeheim weit weg von ihrem Heimatort kommen“, erklärt die examinierte Altenpflegerin.

Standort- und Kostenfrage

Ihr „Pilotprojekt“ will Angelika Fuchs schrittweise im Zentrum Kirchehrenbachs etablieren. „Und zu Beginn kommen wir da auch mit wenig Personal aus. Man muss dann halt schauen wie es angenommen wird, wie der Zulauf sich entwickelt.“

In den Sternen steht allerdings noch, wie die Senta aufgebaut werden kann, sprich: eine passende Immobilie muss gefunden, die Finanzierung geklärt werden.
Von der Idee an sich ist die Kirchehrenbacher Bürgermeisterin Anja Gebhardt (SPD) zwar überzeugt („eine sehr, sehr gute Sache“). Ob eine kleine Gemeinde wie Kirchehrenbach ein solches Projekt allerdings stemmen kann, das ist für Gebhardt fraglich. „Ich hätte da lieber einen externen Träger im Boot wie zum Beispiel die Caritas.“ Die Gemeinde werde, so Gebhardt, noch viele Diskussionen führen müssen.

Nichtsdestotrotz: Die Senta soll kommen. Und wenn sie da ist, kann sich Angelika Fuchs gut vorstellen, irgendwann selbst einmal das Angebot zu nutzen. „Denn auch ich will solange wie möglich dort alt werden, wo ich zu Hause bin.“

  

Philipp Peter Rothenbacher Nordbayerische Nachrichten Forchheim-Ebermannstadt E-Mail

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