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Michelle geht in die dritte Klasse der Volksschule Unterleinleiter. Sie ist sehbehindert. Trotz starker Brillengläser kann sie kaum erkennen, was ihre Lehrerin Susanne Bergmann an die Tafel schreibt. Auch ihre Mitschüler sieht sie nur schemenhaft, sobald sie sich ein paar Meter von ihr entfernen. Trotzdem nimmt sie ganz normal am Unterricht teil. Genauso wie Jasmin und Lukas. Das Mädchen ist geistig behindert, der Junge geistig und körperlich eingeschränkt.
Für Grundschullehrerin Susanne Bergmann sind die drei die „Besonderen“ unter den 14 Schülern ihrer Klasse. Das bringt mit sich, dass die Pädagogin nicht die einzige Erwachsene in der Klasse ist. Michelle, Lukas und Jasmin haben Integrationshelfer an ihrer Seite. Sie übersetzen den Schülern die Arbeitsanweisungen, unterstützen sie beim Herangehen an die Aufgaben oder helfen beim Ranzen packen. Bei Michelle hilft die Integrationshelferin außerdem dabei, das Lesegerät zu bedienen, mit dem das Mädchen das Tafelbild ganz nah heranholen kann.
Ihre Anwesenheit ist für die Mitschüler und Lehrer ebenso normal geworden wie das Zusammensein mit Michelle, Lukas und Jasmin. „Die Drei haben das Miteinander der Schüler positiv geprägt“, sagt die Lehrerin. „Besondere“ Kinder sind in Unterleinleiter zu „normalen“ Mitschülern geworden.
Seit fünf Jahren werden an der Schule Kinder mit Behinderung aufgenommen. Nicht, weil es gesetzlich vorgeschrieben ist, sondern weil es sich so entwickelt hat und weil sie es an der kleinen Landschule leichter haben, sich zu integrieren. Durch diese Erfahrungen könne hier jeder so aussehen wie er will und sich bewegen oder sprechen wie er kann und werde deswegen nicht ausgelacht, sagt Schulleiter Michael Bauer. „Die Kinder sind keine Ausnahmen, sondern immer mit dabei.“
Nur von pädagogischer Seite, da müssen die Lehrer differenzieren. Kinder mit Behinderung bekommen zum Teil andere Aufgaben. Auch von der Benotung sind sie ausgenommen, erhalten stattdessen ein Gutachten. Und geht es am Ende der Grundschulzeit doch um Noten, so bekommen sie einen „Nachteilsausgleich“, das heißt mehr Zeit bei der Bearbeitung der Aufgaben oder einen zweiten Anlauf.
Für Susanne Bergmann, aber auch für ihre Grundschulkollegen ist das kein Problem. „Sie haben den künftigen Hauptschüler neben dem Gymnasiasten sitzen, sie müssen sowieso differenzieren“, sagt Wolfgang Blos, Schulamtsleiter des Landkreises. Er sieht die Probleme eher woanders — und stimmt damit auch mit den „Praktikern“ aus Unterleinleiter überein. Es fehle an personeller und finanzieller Ausstattung. Bei der Einzelintegration wie in Unterleinleiter gebe es weder zusätzliche Lehrerstunden noch einen Förderlehrer, der den Kollegen zur Seite steht. Das ist nicht das einzige Defizit: „Inklusion konzentriert sich auf die Grundschule.“ Die meisten gehen danach auf die Hauptschule. Auf Realschule und Gymnasium seien Schüler mit Behinderung nach wie vor selten.
Und selbst wenn sich das ändere, bleibe die grundsätzliche Frage: „Wie geht es danach weiter?“ Es sei eine gesellschaftliche Aufgabe sich zu überlegen, wie man mit Menschen mit Behinderung umgehe, keine schulische. Auch wenn hier der Anfang gemacht werde. Was er grundsätzlich befürwortet: Dass Kinder mit und ohne Behinderung gemeinsam unterrichtet werden, sei ein Paradigmenwechsel in der Pädagogik. „Zum ersten Mal werden nicht mehr alle gleich gemacht und müssen nicht alles gleich können.“ Aber das müsse sich auch in der Gesellschaft durchsetzen.
