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Keltenwall ohne Veto der Ämter beschädigt

Heimatpfleger macht Denkmalamt schwere Vorwürfe — Reitstall auf archäologisch wertvoller Hochfläche - 09.12.2010 22:49 Uhr

Archäologen zeichnen den Ringwall groß ein (Zacken). Links liegt der Ort Loch.


Günther Hofmann hat auch das Bayreuther Landratsamt im Visier. „Die hätten das stoppen können, die sahen das. Der Aushub erfolgte schon vor dem Bauantrag!“ Aber das Landratsamt betont: Für das Abgraben und für die Reitanlage erteilte das Denkmalamt und man selbst nachträglich eine Erlaubnis, nur Zaun und Haus sind jetzt von einer „Beseitigungsanordnung“ betroffen. Die wurde inzwischen angefochten.

Die Reitanlagenbetreiber nahmen sich Altlandrat Klaus-Günther Dietel als Anwalt. Der Fall liegt nun beim Verwaltungsgericht. Der nötige Bauantrag wurde erst kürzlich nachgereicht — aber von der Stadt Hollfeld abgelehnt. „Beides sind schwebende Verfahren“, so Landrats-Pressesprecher Herbert Retzer, „und deshalb können wir keine weiteren Angaben machen.“ Dass das Engagement von Dietel auf Entscheidungen des Landratsamtes Einfluss nehmen könnte, verneint er: „Keine Interessenkollision.“

Archäologe aus Berlin

Solche Gürtelschnallen wurden hier gefunden, eine äußerst seltene Linsenvase und römische Pfeilspitzen. Die Museen der Umgebung profitieren davon.


Die Reitanlage nimmt die gesamte keltische Anlage auf dem „Hohen Knock“ beim Ort Loch ein, nicht weit von Hollfeld. Namhafte Archäologen gruben hier, so 1939 der Berliner Experte Georg Stuhlfaut. Weitsichtige Fachleute von Schloss Seehof, also dem Denkmalamt, sorgten vor 28 Jahren in Absprache mit dem Besitzer Dörnhöfer für eine Brachwiese, unterstützt vom damaligen Hollfelder Bürgermeister Georg Besold.

In dem Areal waren keltische Rasiermesser gefunden worden und römische Pfeilspitzen, eine linsenförmige Keramikvase (heute beim Historischen Verein in Bayreuth; es gibt nur drei davon in Oberfranken) und Gefäße (im Tüchersfelder Museum). Dazu kommen Gürtel- und Toilettenbesteck, Lanzenschuh und Trepanationsscheiben. Von der Jungsteinzeit bis ins vierte Jahrhundert n.Chr. ist alles vertreten. „Das ist enorm!“, so Hofmann. Aber im Dritten Reich kam der erste Teil des Walls oberhalb der Talstraße weg, um das Sumpfgelände unten zu festigen.

Jetzt wurde in dem Ringwall Erde weggeschoben für einen Sandplatz, so dass zwei Pferde trocken stehen können. Dabei ist aber nicht klar, wo der Ringwall genau verläuft: Günther Hofmann sieht ihn wie die Archäologen im weiten Oval rund um die ganze Fläche. Aber das Landratsamt stützt sich auf eine Luftaufnahme, die in einem viel kleineren Innenkreis Grasverfärbungen zeigt. Dieser Ring läuft immerhin quer durch den Sandplatz.

„Ein Hohn“

„Ich bin seit 1970 durch Führungen und Vorträge bekannt für diese Besonderheiten“, so Hofmann. „Man hätte mich fragen müssen. Es ist ein Hohn, was passiert ist.“ Als er dem Landratsamt mit einer Strafanzeige drohte, wurde der Telefonhörer aufgelegt. „Ich hab keine Antwort bekommen.“

Hofmann zur Seite steht Josef Gardill. Der Hollfelder sucht seit 35 Jahren ehrenamtlich für das Denkmalamt nach archäologischen Resten. Aber mit dem Skandal von Loch stellte er seine Arbeit ein. „Das Denkmalamt hat eine Liste der Funde vom Hohen Knock. Es kennt die Bedeutung. Trotzdem schickte es nur einen Techniker vorbei und machte keine Notgrabung. Der Aushub wurde nicht geprüft. Er liegt jetzt auf dem alten Ringwall und verfälscht dessen Inhalt.“ Das Amt hätte auf Kosten des Bauherrn alles durchsieben lassen können. „Dann wäre das erledigt.“

Er und Hofmann weisen auf die dünne Erdschicht hin, die am Hohen Knock auf dem Fels liegt. In ihr ist komprimiert alles enthalten, was archäologisch zu erwarten ist. Und genau diese 30 Zentimeter räumte man für den Sandplatz weg.

Die Aktion reiht sich ein in das große Dilemma der heutigen Zeit, wo schwere Traktoren die Ochsengespanne von früher ersetzen. Sie pflügen durcheinander, was vorher nur angekratzt wurde. „Die hauen alles zusammen. In fünf, zehn Jahren haben wir nur noch eine kulturelle Wüste“, so Hofmann.

Dazu kommt sein Vorwurf, dass ihn die Stadt Hollfeld nicht über die kommende Reitanlage informierte. Auch als man in der Hollfelder Judengasse eine Scheune abriss, hatte man nicht nach einer Synagoge geforscht, sondern alles „schnell wieder zugemacht“. Als in der Eiergasse Humus weggeschoben wurde, mit Glaswaren und Keramik aus dem 7. und 8. Jahrhundert darin, kam er auch zu spät. „Ich hab die Funde an die Universität gegeben. Die waren alle entsetzt.“

Gut lief es nur am alten Hollfelder Reitersteig, wo der Besitzer auf Hofmanns Bitte hin den Weg nicht zerstörte, und in Gottelhof, wo ein Bauleiter ganz selbstverständlich ein paar Tage woanders arbeiten ließ, bis er den Aushub durchgesehen hatte.

Stadt lehnt Verantwortung ab

Die Stadt Hollfeld will natürlich nicht, so Rathausleiter Gerhard Leikam, die Vorwürfe auf sich sitzen lassen, sie habe am Hohen Knock falsch gehandelt und auch bei der Scheune. In der Judengasse sei keine Erde bewegt worden und nur eine Garage aufgesetzt. Die Reitanlage bei Loch sei, da von einem Bauern beantragt, privilegiert, also nicht abzuwenden. Baufachlich und denkmalrechtlich müssten höhere Ämter prüfen. „Wir sind keine Bauaufsichtsbehörde.“

Michael Hoppe vom Denkmalamt bedauert: „Wir sind erst in der Spätphase informiert worden. Es wäre besser gewesen, wenn wir im Vorfeld beteiligt worden wären. Dann hätten wir gesagt, das ist kein passender Standort.“ Er schickte einen Grabungstechniker, „aber da war der Oberboden schon abgetragen“.

Amtsgewalt überschätzt

Hätte von Anfang an ein Bauantrag vorgelegen, hätte man prüfen können, welche Fläche geeignet ist. „Notfalls muss der Bauherr eine archäologische Firma beauftragen, alle Funde dokumentieren und bergen.“ Käme das Denkmalamt in einem Gutachten zur Feststellung, dass der Bau abzulehnen ist, muss das Landratsamt entscheiden. „Herr Hofmann überschätzt die Möglichkeiten unserer Fachbehörde. Wir sind kein Vollzugsamt, wir können bloß vorschlagen.“

Josef Gardill hofft auf einen Rückbau der Anlage und dass sie nicht nachträglich komplett als „landwirtschaftlich privilegiert“ durchgesetzt wird. Dieser Rückbau müsste dann von Archäologen begleitet werden.(siehe nebenstehenden Artikel) 

VON THOMAS KNAUBER

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