Mittwoch, 14.11.2018

|

Online gefunden: Ziemlich beste Freunde in Forchheim

Martina Messingschlager suchte im Netz nach Anschluss — Sinnkrise als Startschuss - 12.04.2018 06:00 Uhr

Kannten sich vor zwei Jahre noch nicht: Martina Messingschlager aus Forchheim und Petra Stilkerich aus Hallerndorf haben ihre Freundschaft über das Internet gefunden. © Patrick Schroll


Alles hat mit einer Sinnkrise begonnen. Damals, vor fast genau zwei Jahren, zieht ihr Sohn für die Ausbildung nach Hof. Und hinterlässt dabei eine Lücke im Leben von Martina Messingschlager. Ruhiger geht es plötzlich im Haus zu. Eine ungewohnte Situation für die quirlige Frau.

„Ich habe Panik bekommen“, erzählt sie rückblickend. Sie hatte plötzlich mehr Zeit, „aber meine Freundinnen hatten keine Zeit für mich.“ In ihrem Job als Niederlassungsleiterin einer Personalvermittlungsfirma sind die Arbeitstage zwar lang, genug Energie bleibt aber, um den Abend in gemütlicher Runde mit Freunden ausklingen zu lassen.

Ein Vorschlag ihres Mannes entwickelte sich zum Zündmoment ihrer Idee. „Mach doch einfach einen Aufruf bei Facebook“, sagte er. Gesagt, getan. „Suche ziemlich beste Freunde“ — das war ihr Stichwort, mit dem sie im Internetnetzwerk auf sich aufmerksam machte. Keine Stunde hat es gedauert und schon erhielt die 48-Jährige die erste Reaktion.

Petra Stilkerich saß an jenem Tag gemütlich auf der Couch. „Als ich den Aufruf gelesen haben, musste ich mich sofort melden“, sagt die 43-Jährige heute. Gut zwei Jahre ist das her. Aus den einst Fremden ist ein eingespieltes Freundes-Duo geworden. „Mal sehen, wie lange wir es noch miteinander aushalten“, sagt Stilkerich, ihre Tasse Kaffee in der Hand und lacht lauthals. Martina Messingschlager überlegt gar nicht: „Na hoffentlich 20 Jahre.“

Doch nicht nur zwischen Petra aus Hallerndorf und Martina aus Forchheim hat sich eine Freundschaft entwickelt. Die Reaktionen auf ihre Suche im Internet haben Martina überrascht. „Da ist ein Markt“, hat sie sich gedacht. Und wollte mehr Menschen zusammenbringen.
In Facebook gründete sie die Gruppe „Freundschaftsmanufaktur“. Der Name kommt nicht von ungefähr. „Manufaktur, das ist eine Schmiede, bedeutet etwas beständiges und nichts beliebiges“, erklärt Messingschlager ihr Ziel der Freundesuche.

60 Menschen aus der Stadt und dem Landkreis Forchheim in der Spitze haben sich dort der Internetgemeinde vorgestellt. Selbst Ex-Forchheimer, die jetzt in Selb wohnen, suchten darüber die Verbindung in die ehemalige Heimat, erzählt Messingschlager.

Privatsphäre schützen

Ein Anlaufpunkt ist die Gruppe für sehr viele frisch Zugezogene, die vom Boom auf dem Arbeitsmarkt aus der ganzen Nation und darüber hinaus nach Forchheim strömen, Sandkasten- und langjährige Freundschaften in ihrer alten Heimat zurücklassen müssen. Eine junge Familie, frisch in Heroldsbach angekommen, hat sich in der Gruppe mit Bildern und ein wenig Text vorgestellt und so sofort Kontakt gefunden.

Heute tummeln sich knapp 30 Mitglieder in der „Manufaktur“. Die Gründerin siebt regelmäßig ihre Gruppe aus. „Wir wollen keine stillen Mitglieder. Die Gruppe muss leben.“ Damit will Messingschlager auch die Privatsphäre ihrer Freunde und Freunde-Sucher schützen und ein bloßes Aushorchen verhindern. Das tut sie auch außerhalb des digitalen Kosmos, im ganz realen Leben. Die Frauen und Männer zwischen 20 und 60 Jahren treffen sich dann zum Walken, Schwimmen, Saunieren, gehen gemeinsam ins Theater oder auch schon mal übers Wochenende in den Urlaub.

Lockt das nicht auch Menschen, die auf der Suche nach einer Beziehung oder einem Abenteuer sind? „Ich prüfe, wen ich in die Gruppe lasse“, sagt Messingschlager. Neumitglieder müssen den Beitritt beantragen, die 48-Jährige erhält dann eine Nachricht und erlaubt den Zutritt oder auch nicht. Dabei setzt sie auf ihren „gesunden Menschenverstand“. Und bisher hat der nicht getäuscht.

Kein Netzwerk für Abenteuer

Bis heute hat noch niemand die Motivation, mehr als nur Freundschaft zu finden, in die Gruppe getragen, so Messingschlager. „Wenn sich zwei Menschen verlieben, habe ich nichts dagegen“, sagt die Forchheimerin. „Aber wir sind keine Kontaktbörse wie Tinder oder andere Dating-Netzwerke.“

Obwohl mit zwei Jahren noch mitten im Sandkastenalter, hat sich bei der Freundschaftsmanufaktur schon so was wie Tradition eingeschlichen. Im Dezember steigt die Weihnachtsfeier, nach einer Tour über den Weihnachtsmarkt. Einmal im Monat peilt die Gruppe an, Essen zu gehen. Dann kommen die Gäste auch schon mal aus Herzogenaurach angefahren.

Als Petra damals in Facebook auf die Freundesuche von Martina reagierte, verging keine Stunde, bis sich beide im realen Leben getroffen haben. „Ich bin offen für Neues“, sagt Petra, die zu Hause niemanden um sich hat. Das Internet hat ihr eine Hürde genommen.

„Im wahren Leben hätte ich mich nicht getraut, jemanden so anzusprechen.“ Aufgeregt war Petra, als das erste Treffen der Gruppe anstand. Doch nervöses Bauchgrummeln war fehl am Platz.

„Keiner hatte Berührungsängste. Jeder hat sich mit jedem unterhalten“, sagt Martina, die nicht nur freundliche Kommentare mit ihrem Aufruf erntete. „Armselig“ sei ihre öffentliche Suche, haben Teile der Internetgemeinde kommentiert. „Ich musste mit viel Kritik kämpfen.“
Die Suche nach Freunden, sie ist auch in der Psychologie ein spannendes Feld. „Manche Menschen haben Angst, dass sie sich verletzbar machen“, sagte Lothar J. Hellfritsch erst jüngst in einem Bericht des Wochenmagazins der Nordbayerischen Nachrichten. Er ist Ex-Präsident des Berufsverbands Deutscher Psychologinnen und Psychologen.

Und mit dem Alter steigt nicht nur die Hemmschwelle, sondern verschwinden auch die Chancen, damit aus neuen Leuten neue Freunde werden.

Bei der Freundschaftsmanufaktur nimmt Martina Messingschlager den jüngsten Mitgliedern die Angst. „Sie werden besonders behütet“, sagt sie. Und ohnehin: „Ich bin ein Herzensmensch. Die Leute werden von mir geknuddelt.“

Am 13. April, 18.30 Uhr, feiert die Freundschaftsmanufaktur ihr zweijähriges Bestehen mit einem Frühlingstreffen in der griechischen Taverne „Ilios“ in Forchheim. Dabei beraten die Mitglieder auch über ihr Sommerfest auf der Sportinsel. Kontakt zu Martina Messingschlager unter Telefon (0170) 2872549. 

Patrick Schroll Redakteur Nordbayerische Nachrichten Forchheim E-Mail

Seite drucken

Seite versenden



Um selbst einen Kommentar abgeben oder empfehlen zu können, müssen Sie sich einloggen oder sich zuvor registrieren

Ihr Kommentar

Ihr Kommentar:

Bitte beachten Sie unsere Netiquette.

weitere Meldungen aus: Forchheim, Heroldsbach, Hallerndorf