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„Pass doch auf Hans, Du musst genauer arbeiten“, weist Sebastian Reichbrunn seinen Lehrjungen zurecht. Der hat gerade mit dem Meister zusammen aus Ziegeln in der Gussgrube den Kern für die neue Glocke gemauert. Es ist das Jahr 1572, Fürstbischof Veit II. hat für St. Martin in Forchheim eine neue Glocke bestellt — drei Zentner schwer mit einem Fries, auf dem eine Hetzjagd auf Schwarzwild dargestellt ist.
Auf den Ziegelkern streicht Hans nach Vorgabe seines Meister aus Lehm die Innenform der Glocke dick auf. Darauf kommt ein Trennmittel, Talg. Während das Ganze trocknet, widmen sich Reichbrunn und sein Lehrling anderen Aufträgen. Für die Domherren Georg, Konrad und Caspar von Würzburg hat er erst kürzlich ein Epitaph gegossen.
Bis die Glocke für St. Martin fertig gegossen im Kirchturm hängt, müssen viele Einzelarbeiten erledigt werden. Auf die Innenform bringt Lehrling Hans erneut Lehm auf und formt damit die so genannte „falsche Glocke. Sie ist das genaue Gegenstück der späteren Glocke. Meister Reichbrunn kontrolliert streng. Wenn der Guss später nicht gelingt, ist sein Ruf ramponiert. Erst vor etwa zwei Jahren ist er nach Forchheim gezogen. Die Kirchen sind ein großer Auftraggeber. Dass an der Stelle seiner Gießerei später einmal ein Franziskaner-Kloster stehen wird, weiß Reichbrunn natürlich noch nicht. Auch nicht, dass er der erste Glockengießer in Forchheim sein wird, der historisch mit Namen überliefert ist.
Im Moment ist das für ihn auch nicht interessant. Er nimmt wieder einen Batzen Lehm zur Hand und zeigt Hans, wie man den Mantel formt. Acht Stunden lang brennt die Form bei 600 bis 800 Grad aus. Sobald der Lehm erkaltet ist, muss Hans seine Muskeln spielen lassen, er hebt den Mantel ab und zerschlägt die „falsche Glocke“ darunter. Danach setzt er den Mantel wieder auf. Der Hohlraum für die Glocke ist fertig. Weiter geht es mit Schwerarbeit: Hans füllt die Gießgrube um den Glockenmantel herum mit Erde auf und stampft sie fest.
Da erklingt das Angelusläuten und ruft zum Gebet „Der Engel des Herren“: Es ist 18 Uhr. Wie wichtig die Glocken doch sind, denkt er sich. Sie zeigen nicht nur wie viel Uhr es ist. Wenn das Totenglöcklein läutet, dann weiß jeder Forchheimer: Eine Beerdigung findet statt. Geläutet wird drei Mal am Tag zum Gebet, dann zum Gottesdienst und wenn die Wandlung vollzogen wird. Und dann gab es da ja noch den so genannten „Weiberschreck“. Hans muss bei dem Gedanken schmunzeln. Um 11 Uhr läuten die Glocken, damit die Bäuerinnen auf dem Feld wissen, sie müssen heim an den Herd, bald ist Mittagessenszeit.
An Brot und Suppe ist für Hans noch nicht zu denken. Erst muss die Glockenbronze (22 Prozent Zinn, 78 Prozent Kupfer) auf 1100 Grad erhitzt werden. Über gemauerte Rinnen wird sie in die Gusslöcher geleitet und fließt in die Hohlform.
Vier Wochen später beginnt Hans wieder zu schaufeln, er gräbt die kalte Glockenform aus. Dann ruft er seinen Meister. Die große Stunde hat geschlagen. Der Mantel wird abgehauen, die Bronzeglocke vom Kern gehoben. Hans putzt das Metall, poliert es — er merkt, sein Meister ist genauso aufgeregt wie er: Der erste Glockenschlag wird vollzogen. Es klingt, der Ton ist gelungen. Er wird sofort nach St. Martin geschickt, um Bescheid zu sagen. Noch heute klingt Reichbrunns Glocke in St. Martin. Sie ist die kleinste der sechs Glocken und nennt sich Zeichenglöckchen.
Ob ein Lehrling namens Hans tatsächlich beim Guss des Zeichenglöckchens mitgeholfen hat, ist Spekulation. Für sicher aber gilt, dass um zirka 1610 Hans Kopp die Glockengießerei in Forchheim übernommen hat. Laut Stadtchronik von Forchheim war er ein Schüler von Sebastian Reichbrunn. Kopp goss unter anderem Glocken für Hollfeld, Kersbach, Leutenbach und Waischenfeld. Eine Glocke seines Sohns und Nachfolgers Sebald Kopp von 1649 hängt noch in Pretzfeld.
Das schwere Stück hat schon schwere Zeiten überstanden, den Kirchturmeinsturz 1739 zum Beispiel, den Ersten und den Zweiten Weltkrieg. Wie viele ihrer Artgenossen stand auch das Pretzfelder Geläut 1942 kurz vor dem Schmelzofen-Aus. Die Kirchen mussten alle Bronzeglocken erfassen, damit sie für die Rüstungsindustrie nutzbar gemacht werden konnten. Nur die kunsthistorisch besonders wertvollen Exemplare und die kleinen Glocken, deren Einschmelzen sich nicht lohnte, bleiben hängen.
Pretzfeld lieferte vier Glocken ab, darunter auch die von Sebald Kopp, erzählt Hermann Bieger, der sich eingehend mit der Glockengeschichte befasst hat. Ganz unzimperlich warf man die zentnerschweren Stücke aus dem Kirchturm und transportierte sie zum „Glockenfriedhof“ nach Hamburg. Oft bekamen die Glocken dabei Risse und Sprünge, die, sofern sie den Krieg überstanden wie das Pretzfelder Geläut, repariert werden mussten.
Hätte man eine neue Glocke gebraucht, wäre sie nicht aus Forchheim gekommen. Mitte des 18. Jahrhunderts geht die Forchheimer Glockenbauer-Geschichte ihrem Ende entgegen. Die letzte Gießerei befand sich in der heutigen Hauptstraße, wo das Gasthaus „Blaue Glocke“ einlädt. Hier verarbeiteten die Roths, Johann Conrad und Johann Adam, Metall, gossen Glocken, auch Kanonen, und genossen für ihre Handwerkskunst einen guten Ruf in der Region.
Dass nicht alle Forchheimer Glockenbauer so begabt waren, bekommt die Kirchengemeinde St. Martin in Forchheim 1670 zu spüren. Johann Josef Etzel soll mehrere Glocken gießen, der Guss der schwersten misslingt. Man holt fachliche Verstärkung aus Würzburg. Eine der damals gegossenen Glocken, die St.-Martin-Glocke, läutet wie das Zeichenglöckchen von Reichbrunn noch immer in der St.-Martins-Kirche. Auch an Weihnachten zum Festgottesdienst.
