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Spektakulär unspektakulär war sein Fürther Recital am Samstagabend. Eine Sternstunde im Konzertprogramm des Fürther Stadttheaters. Dabei galt sie keinem Großwerk gewidmet, sondern der oft verkannten Kleinform. Bagatellen Ballettmusik und Etüden aus verschiedenen Musikepochen verpasste der 71-Jährige einen faszinierenden Brillantschliff. Beeindruckend vor allem durch die unprätentiöse Vorstellung.
Es schien, als komme er aus einer anderen Welt. Leger gekleidet, ohne große Anstalten und unbeeindruckt von der Begeisterung des Publikums griff wie bei einer Probe er in die Tasten. Den Pausenapplaus winkte er fast verächtlich ab und nach einer demonstrativ mit Links bewältigter Chopin-Etüde als Zugabe packte er seine Rosen, klappte den Klavierdeckel zu und ging winkend in die Garderobe.
Ugorski, dessen Künstlerlaufbahn anfangs nicht auf Rosen gebettet war, braucht den ganzen Zinnober des Starkults offenbar nicht. Der in Russland offen angefeindete, 1982 über Ostberlin nach London emigrierte und heute in Detmold lebende jüdische Pianist genügt sich trotz seiner Erfolge immer noch selbst. Ohne eine Miene zu verziehen und völlig unmaniriert arbeitete er sich in Fürth souverän durch die Gewitter anspruchsvollster Tastenartistik.
Den sechs Bagatellen op.126 des späten Beethoven verlieh er eingangs mit überlegtem Ausdruck bestechende Klarheit. Im Gestus bestimmt, doch niemals überzogen reizte er das Potenzial des Bösendorfers, der in der Pause nachgestimmt werden musste, nie voll aus. Prägnant arbeitete er Melodielinien heraus und hielt die Begleitung in den Schranken. Seine Interpretationen sind auf Transparenz angelegt, führen den Hörer mit traumwandlerischer Sicherheit zum Wesentlichen der Kompositionen.
Schon das komplexe Eingangsstück durchdrang Ugorski spielend mit Klarheit. Virtuos dosiert, bekamen die lebhaften Kontraste des Allegro Eigenleben. Das mittlere Andante Es-Dur wirkte in seiner Melodieseligkeit geradezu modern. Dem Genie des Komponisten fügte der Interpret nicht noch eigene Kommentare hinzu. Das verlieh seiner Kunst wiederum große Überzeugungskraft.
Mit drei Sätzen aus Igor Strawinskys Petrouchka entfesselt der Pianist ein ganzes Sinfonieorchester. Unglaublich, was zehn durchtrainierte Finger alles leisten können. Faszinierend ausgefeilte Dynamik und permanente Präsenz verliehen dem Spiel enorme Spannung.
Den Gipfel mit dem Dutzend Chopin-Etüden op.25 erklomm der Pianist nach der Pause anstandslos. Nie schien ihn der Schwierigkeitsgrad dieser gefürchteten Höhepunkte aus der Reserve zu locken. Mit überlegtem Zugriff und immer auf beseelte Gelöstheit bedacht, blieb seine Interpretation unverkrampft.
Der abgeklärte Anatol Ugorski empfahl sich den Fürthern als Zen-Meister der Tasten. Sein Reich ist nicht die große Emphase, sondern der Kosmos der leisen Töne. Selbst im gewaltigen Crescendo con fuoco (Nr. 10) behält er die Übersicht und sein Pulver für eine nuancenreiche Gestaltung auch noch in Extrembereichen zurück.
„Passt schon“: Dieser urfränkische Ausdruck höchster Ekstase steht für eine außerordentlich spannende Begegnung mit einem Virtuosen – auch der Bescheidenheit.



