Mittwoch, 12.12.2018

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Abgesetzt: Kurdin Leyla Imret kämpft weiter

Die frühere Bürgermeisterin setzt sich für Autonomie in der Türkei ein - 05.05.2018 11:00 Uhr

"Ich bin hier, mein Herz ist dort", sagt Leyla Imret. © Thomas Scherer


Man stelle sich das für Fürth vor: Eine Friseurin, gerade einmal Mitte 20, die die meiste Zeit ihres Lebens im Ausland verbracht hat, kehrt zurück und wird mit 83 Prozent der Stimmen zur Bürgermeisterin gewählt. Unglaublich?

In Cizre ist dies tatsächlich geschehen. Cizre liegt im äußersten Südosten der Türkei, am Ufer des Tigris, mit 112 000 Einwohnern ist es fast so groß wie Fürth. Dass Leyla Imret mit 26 Jahren gewählt wurde, verdankt sie dem Ruhm ihres Vaters, eines kurdischen Widerstandskämpfers, den sie schon in früher Kindheit verloren hatte.

Die Wunden der Auseinandersetzungen zwischen der kurdischen Bevölkerung und der türkischen Regierung in den 1990er Jahren sind kaum vernarbt. Leyla Imret selbst genoss nach ihrer frühen Flucht eine behütete Kindheit im Haus ihrer Tante in Bremen und erfuhr erst nach und nach vom Schicksal ihrer Familie.

Ihr Sieg bei den Kommunalwahlen 2014 weckte die Neugier des Dokumentarfilmers Asli Özarslan. Der begleitete sie bei ihrer Arbeit im Rathaus, wo Imret resolut das Kommando führt, und auf ihren Exkursionen durch die Straßen, wo sie mit den Bürgern, Händlern und den Müttern spricht, sich um Spielplätze und Baumpflanzungen kümmert.

Wie Mutter und Tochter

Nicht nur optisch wirkt die junge Frau wie eine Lichtgestalt, man spürt, wie sie jedes Ansinnen ihrer Mitbürger zutiefst persönlich nimmt. Für die Einwohner in Cizre wirkt Leyla Imret wie eine Mutter- und Tochterfigur in einer Person.

Ein Jahr später kommt es bei den türkischen Parlamentswahlen zu schweren Konflikten. Bei Versammlungen explodieren Bomben, die Regierung stellt die Bürgermeisterin in eine extreme bis terroristische Ecke, Zitate von ihr werden falsch wiedergegeben.

Mehrmals wird sie vorgeladen, schließlich im September 2015 ihres Amtes enthoben. Ihr Stellvertreter ernennt Leyla Imret wiederum zu seiner Stellvertreterin, und so macht die Politikerin weiter.

Schließlich wird das Filmteam ausgewiesen. Cizre belagert, die Armee geht gegen die verbotene Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) vor, viele Menschen sterben, die Verbindung bricht ab, die Verwandtschaft in Bremen verbringt bange Tage und Nächte. Endlich wieder Lebenszeichen. Doch alles bleibt ungewiss. Damit endet der Film.

Wie ging es weiter? Leyla Imret flüchtete nach Deutschland, wo sie nun den Kampf um ihre Stadt, um die Selbstverwaltung und die demokratische Autonomie der Kurden weiterführt. Zum Beispiel im Babylon-Kino, wo sie nach der Vorführung des Films "Dil Leyla" Rede und Antwort steht. Nach wie vor begreift sich die nun 30-Jährige als Bürgermeisterin von Cizre, denn ihre Amtsperiode dauert bis 2019.

Druck nimmt zu

Was die junge Kurdin besonders plagt: Daheim nehme der Druck auf die Frauen wieder zu, Möglichkeiten zur Selbstständigkeit und Fortbildung würden immer weiter zurückgeschraubt. Ihre Flucht sieht sie als konsequente Reaktion: "Nach drei Festnahmen und drei Freilassungen hatte ich kein Vertrauen auf ein faires Gericht mehr."

"In Cizre habe ich die schönste und die schlimmste Zeit meines Lebens erlebt", sagt sie. "Ich bin hier, mein Herz ist dort, der Kampf geht weiter." Von den Deutschen erhofft sie sich viel: "Sie müssen Druck auf ihre Regierung ausüben. Die Waffen, das Tränengas, das wird alles aus Deutschland eingeführt." 

REINHARD KALB

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