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Alles läuft wie geschmiert

Gärtnerplatztheater gastiert mit „Mahagonny“ im Stadttheater - 29.06.2012 10:00 Uhr

Marianne Larsen (von rechts), Holger Ohlmann und Cornel Frey mit Frack und Zylinder beim Abgesang auf eine dekadente Gesellschaft.

Marianne Larsen (von rechts), Holger Ohlmann und Cornel Frey mit Frack und Zylinder beim Abgesang auf eine dekadente Gesellschaft. © Martin Bartmann


Da bislang noch keine Nachrichten von Shopping-Boykotten in Fürth oder von spontanen Schmähreden gegen den schnöden Mammon durchgedrungen sind, hat dieser Opernabend im Sinne von Bert Brecht wohl seinen Zweck verfehlt. Wollte der große Dramatiker nicht, dass wir angesichts seiner Werke aufstehen und die Gesellschaft verändern? 1930 jedenfalls löste die Uraufführung von „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“ den wohl größten Theaterskandal in der Weimarer Republik aus. Faszinierend frisch wirkt Brechts Libretto bis heute: Eine Gesellschaft, die dem Geld die Alleinherrschaft andient und nur noch Spaß haben will, wird alles verlieren, was recht und billig ist.

Regisseur Thomas Schulte-Michels verzichtet allerdings komplett darauf, allzu offensichtliche Parallelen heraufzubeschwören. Kein Schielen also auf Finanzkrise und Ellenbogen-Gesellschaft 2012, sondern eine absolut stringente Konzentration auf Kurt Weills Musik, die einen weiten Bogen schlägt und einen überschäumenden Formenreichtum in der Partitur vereinigt. Dieses Konzept gelingt zum einen dank Andreas Kowalewitz, der das Gärtnerplatz-Orchester ausgezeichnet im Griff hat. Locker und gelöst klingt das, nach Spaß an den anspielungsreichen Herausforderungen, die Weill den Musikern stellt. Zum anderen entfalten zum Beispiel Wolfgang Schwaninger (Jim Mahoney) oder Heike Susanne Daum (Jenny Hill) eine begeisternde Präsenz. Kompliment auch an den großen Chor, der auf jeden Fall zu den Pluspunkten des Abends zählt.

Die deutliche Absage an Brechts episches Theater lässt dennoch eine Lücke, in der Thomas Schulte-Michels nicht mit irgendwelchen Regie-Einfällen stört. Stattdessen setzt er schlicht auf eine Art Nummern-Revue, was diese Oper freilich auch hergibt. Mit sanfter Hand ist die ein oder andere Provokation aus dem Haus Brecht/Weill dabei geglättet worden. Gelungen ist dennoch die sinnvolle Straffung auf rund zweieinhalb Stunden Spielzeit. Und so läuft die Geschichte der Stadt Mahagonny, deren Leitspruch heißt „Du darfst“, wie geschmiert.

Ziemlich brav ist die Bühnengestaltung, die ebenfalls von Schulte-Michels stammt. Seine Idee, kleine und große Stühle als wandelbare Versatzstücke einzusetzen, zählt längst zum Repertoire. Ein Hauch von Biedermeier zieht sich auch durch die Gesten und Beschäftigungen, denen das Ensemble nachgeht: Wird das Fressen besungen, klopft man sich auf dicke Bäuche. Geht’s um den Sex, sind ein paar dezent vulgäre Gesten an der Reihe. Am Gärtnerplatz hat man seine Hausaufgaben gemacht und ein Brecht-Zitat ausgegraben, das diesem Spiel um die endlose Freiheit den Segen erteilt. Der große Meister selbst schrieb nämlich einst: „Ist Mahagonny ein Erlebnis? Es ist ein Erlebnis. Denn Mahagonny ist ein Spaß.“ In diesem Sinne: Ziel erreicht. 

SABINE REMPE

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