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An die Grenze: Eisenharte Tuchenbacher beim Transalpine Run

Hans und Andreas Hümmer haben in nur sieben Tagen die Alpen von Deutschland nach Italien überquert - 08.10.2017 16:00 Uhr

Die Ortler-Ostwand im Blick: Vater und Sohn Hümmer konnten die Berg-Kulisse aber nur selten entspannt genießen. © Fotos: Vince51/Hümmer


Der absolute Tiefpunkt kam auf der vierten von sieben Tagesetappen. Bergfest sagt man passenderweise, wenn die Hälfte einer Aufgabe geschafft ist. Doch um diesen, mental wichtigen Gipfel zu erreichen, musste noch der Aufstieg genommen werden: Direkt über einen Skihang, Pistenkategorie schwarz – also besonders steil. Drei Kilometer bergauf, gleich 600 Höhenmeter, was einer Steigung von etwa sieben Prozent entspricht. Beim Blick nach oben nur Geröll, öde Landschaft, vereinzelt Schnee, dazu bedeckter Himmel und ein eisiger Wind.

Die Ortler-Ostwand im Blick: Vater und Sohn Hümmer konnten die Berg-Kulisse aber nur selten entspannt genießen. © Fotos: Vince51/Hümmer


"Ich habe meinen Kopf ausgeschaltet, irgendwann einfach nichts mehr wahrgenommen", erinnert sich Hans Hümmer (61) an diesen Moment während seiner Teilnahme am diesjährigen Transalpine Run im September. Vor sich und hinter sich habe er nur schweres Atmen gehört. Sein Sohn Andreas (27) und ein paar andere Teilnehmer, die etwa dasselbe Tempo hatten, kämpften sich nach oben, allesamt wie mit Scheuklappen und nur das obere Ende der Skipiste im Auge.

Sämtliche Teilnehmer tragen für ihre genaue Standortbestimmung ein GPS-Gerät bei sich. Wenn die beiden Läufer eines Duos zeitlich mehr als eine Minute auseinander liegen, gibt es eine Zeitstrafe. Bloß nicht abreißen lassen, lautete also die Devise. Auf den Gipfel-Rausch und das Glücksgefühl am Ende der vierten Etappe, folgte abends in der Unterkunft die Ernüchterung. Eine Zehe hatte sich Hümmer senior extrem wundgelaufen, das blanke Fleisch war zu sehen. Dazu die totale Erschöpfung und die Gewissheit, dass Vater Hans auch am nächsten Morgen wieder als Stammgast bei der medizinischen Betreuung begrüßt werden würde. Dabei sind Hümmers mehr als nur fit. Beide laufen Marathon. Zusammen haben sie außerdem schon mehrfach am 100-Kilometer-Ultra-Trail an der Zugspitze teilgenommen.

Trainiert wird quasi ständig. So laufen die beiden Tuchenbacher bei Wind und Wetter. Fast täglich geht es die 16 Kilometer einfach zur Arbeit hin und zurück, dazu kommt das Höhentraining in der Fränkischen Schweiz. Der Transalpine Run, ein Geschenk zu Hümmers 60. Geburtstag, sei allerdings das Härteste gewesen, was sie bisher gemacht haben, sagen die beiden.

Doch obwohl sie während der sieben Tage mehrmals an ihre körperlichen und mentalen Grenzen gegangen sind, haben sie die Alpenüberquerung zu Ende gebracht. Und das sogar ganz knapp im vorderen Drittel der rund 300 teilnehmenden Zweierteams. Etwa 50 davon mussten aufgeben. Bei Hümmers standen letztendlich 46 Lauf-Stunden mit 275 zurückgelegten Kilometern und knapp 18 000 Höhenmetern auf der Uhr. Von Deutschland über Österreich und die Schweiz bis nach Sulden in Südtirol in sieben Tagen. Als schönsten Moment beschreibt Hans Hümmer den Zieleinlauf nach der letzten Etappe, als ihm und Sohn Andreas die hinterhergereiste Familie in die Arme gefallen ist. Doch es schwang auch ein bisschen Wehmut mit, die teilweise liebgewonnenen Mitstreiter nun nicht mehr jeden Tag zu sehen – trotz der vielen Strapazen.

"Ich habe während der Woche sechs Kilo verloren", berichtet Hans Hümmer. "Und das, obwohl man die ganze Zeit reinschaufelt wie ein Scheunendrescher." Vor allem am Abend überkam die beiden Tuchenbacher manchmal ein schier unstillbarer Hunger. Diesen versuchten sie dann in ihrem Herbergszimmer zwischen Laufschuhen und Blasenpflastern mit Hilfe von Pizzaservice und Eimern voll Kartoffelsalat zu stillen.

Dabei gab es jeden Abend eine, bei solchen Ausdauersport-Veranstaltungen obligatorische, Pasta Party, bei der die Läufer mit Unmengen Nudeln versuchen, ihre Kohlenhydrat-Depots wieder aufzufüllen. "Nur irgendwann kannst du keine Nudeln mehr sehen", meint Hümmer senior. Am ersten Arbeitstag nach dem Transalpine Run wusste er deshalb nicht, ob er lachen oder weinen sollte. Denn beim Mittagessen in der Kantine habe er den Koch gefragt, was es heute gibt. Hümmer: "Der hat mich angelächelt und geantwortet: Pasta." 

FLORIAN BURGHARDT

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