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Auf dem eingezäunten Acker gefangen

Heimatverein Langenzenn gibt Buch über die Geschichte des Lagers für deutsche Soldaten heraus - 30.11.2015 13:00 Uhr

Susanne Schmidt steht mit ihrem Buch an der Stelle, an der im Frühjahr 1945 das amerikanische Gefangenenlager existierte. Sie wird ihre Recherchen heute den Langenzennern vorstellen. © Foto: Thomas Scherer


Die Stunde null begann in Langenzenn in den Abendstunden des 16. April 1945, als die Stadt von der 12. US-Panzer-Division eingenommen wurde. Schon am nächsten Tag steckten die Amerikaner ein vorläufiges Lager für deutsche Kriegsgefangene ab, das bereits am 22. Mai wieder geräumt wurde. Das „Prisoner of war temporary enclosure“ umfasste rund 17 Hektar Wiesen und Äcker, gelegen war es westlich des Ortskerns. Auf dem heute größtenteils bebauten Areal wurde später unter anderem das Wolfgang-Borchert-Gymnasium errichtet.

Susanne Schmidt war Schülerin an dieser Schule, als sie 1996 zum ersten Mal mit dem Thema konfrontiert wurde: „Mein Vater brachte mich auf das Kriegsgefangenenlager, als ich vor meiner Facharbeit stand.“ Sie begann mit umfangreichen Recherchen, merkte schnell, wie wenig zu diesem Zeitpunkt über dieses Lager noch bekannt war. „Für meine Arbeit habe ich unter anderem Anzeigen in den Fürther Nachrichten und in süddeutschen Zeitungen aufgegeben, um Zeitzeugen zu finden“, sagt Susanne Schmidt, die inzwischen 38 Jahre alt und Lehrerin in Bad Windsheim ist.

Augenzeugen berichten

Auf ihre Aufrufe meldeten sich vor 19 Jahren tatsächlich Männer, die als Kriegsgefangene in Langenzenn gewesen waren: Mit zweien von ihnen hatte sie unter anderem auch im vergangenen Jahr noch einmal Kontakt. Neben den Berichten der Augenzeugen spürte Susanne Schmidt viele wesentliche Dokumente, Details und Informationen auf. Der Heimatverein meldete sofort großes Interesse an einer Veröffentlichung an. Nach Studium, ersten Berufsjahren und der Geburt von drei Kindern begann die Langenzennerin 2013 mit der Arbeit an dem Buch, das am heutigen Freitag, 19 Uhr, im Bürgerhaus vorgestellt wird.

Susanne Schmidt ist es wichtig, dass nicht ausschließlich ihre Nachforschungen in das Werk einflossen: „Reinhold Hitschfel hat sich durch seine jahrzehntelange Recherchen zum Kriegsgefangenenlager besondere Verdienste erworben“, betont sie.

Das Bild, das nun im Buch erkennbar wird, spricht eine deutliche Sprache und macht die Schrecken und die Not jener Tage deutlich. „Für die Gefangenen gab es im Lager keine Baracken, tausende mussten auf dem lehmigen Ackerboden ungeschützt von Regen und Schnee, beziehungsweise später vor Sonne und Hitze ausharren.“

Das Lager in Langenzenn war für den Durchgang bestimmt. Manche blieben nur ein paar Tage, andere Wochen, bevor sie weitertransportiert wurden. Wie viele Menschen es insgesamt waren, ist heute nicht mehr sicher festzustellen: „Es liegen unterschiedliche Zahlen vor, die zwischen 100 000 und 350 000 Gefangenen schwanken.“

Keinen Zweifel lassen die Schilderungen an der Lage der Betroffenen. „Das Deutsche Rote Kreuz schreibt im Lagerspiegel, dass keine medizinische Betreuung möglich war.“ In einem US-Armeezelt seien Kranke und Verwundete notdürftig behandelt worden, sofern Medikamente und Verbände vorhanden waren.

Mangelware Wasser

Viele Gefangene litten unter Ruhr. Wasser war Mangelware, niemand konnte sich waschen, es gab lediglich behelfsmäßige Latrinen. Der Ton nach dem Grauen des Zweiten Weltkrieges war rau.

Ein Zeitzeuge, der 1945 erst 16 Jahre alt war, erinnert sich: „Bei der Leibesvisitation vor dem Lagereingang wurde mir alles Sonstige – außer einer Decke – abgenommen; auch der Tornister, in dem ich etliche Zigaretten, Tabak und Seife verstaut hatte. Diese Sachen wurden vor meinen Augen zertrampelt.“

Die weitreichende Beschäftigung mit diesem Teil der Vergangenheit von Langenzenn hat in Susanne Schmidt zwei Gewissheiten reifen lassen. Zum einen will sie sich auch in Zukunft mit Heimatgeschichte beschäftigen. „Aber mir ist durch die Auseinandersetzung mit dem Kriegsgefangenenlager noch einmal verstärkt bewusst geworden, wie schlimm ein Krieg und seine Folgen sind und wie wichtig es ist, sich für Frieden und Freiheit einzusetzen.“

„Gefangen unter freiem Himmel – Das amerikanische Kriegsgefangenenlager für deutsche Soldaten in Langenzenn“ von Susanne Schmidt, ISBN 978-3-86595-601-9, ist beim Heimatverein Langenzenn und im Buchhandel erhältlich. 

SABINE REMPE

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