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Auf den Spuren des Großvaters

Familie des jüdischen Forschers Robert Cahn besuchte die Neue Materialien Fürth - 28.04.2009

Ehefrau, Kinder und Enkel von Robert Cahn, der vor den Nazis aus Fürth fliehen musste, machten sich nicht nur im Technikum ein Bild vom Stand der Forschung (Foto), sondern suchten auch auf dem Friedhof nach Spuren ihrer Familie. © Rempe


Eine Reise in Vergangenheit und Zukunft zugleich – das ist ein Vorhaben, das Wissenschaftler vielleicht stutzen lässt. Doch nichts anderes war der Fürth-Besuch für die vier Mitglieder der Familie Cahn. Sie gingen zurück zu ihren fränkischen Wurzeln, besuchten Orte und Straßen, die ihrem Ehemann, Vater und Großvater Robert Cahn als Kind vertraut waren. Zugleich informierten sie sich bei der NMF über den aktuellen Stand der Weiterentwicklung und Arbeit auf dem Gebiet der Materialwissenschaften, die heute in Fürth einen bedeutenden Standpunkt haben.

Oberbürgermeister Thomas Jung begrüßte die Besucher und erinnerte an Lebensstationen von Robert Cahn, der als Kind in der Rudolf-Breitscheid-Straße 33 wohnte, die damals Hindenburgstraße hieß. Cahns Mutter war eine geborene Heinemann, ihrer Familie gehörte die Fürther Spiegel-Veredelung «Heinemann & Schwarzmann». Robert Cahns Tochter Alison (51) berichtete, dass ihr Großvater schon früh auf die ständig wachsenden Repressionen gegen Juden reagierte und Geld auf einem Luxemburger Konto hinterlegte. Damit habe er seine Familie gerettet, weil es mit diesen Mitteln möglich war, 1933 zu fliehen: «Bei unserem Besuch im Jüdischen Museum hat uns die Leiterin Daniela Eisenstein erklärt, dass unsere Familie tatsächlich die erste war, die Fürth verließ.»

Rundgang im Technikum

Robert Cahn floh über die Schweiz zunächst nach Mallorca, 1942 begann er am Trinity College im englischen Cambridge ein Metallurgie-Studium. Dort lernte er auch seine spätere Ehefrau Patricia kennen, die Tochter eines Professors. Als Wissenschaftler machte sich Cahn nicht zuletzt einen Namen als Herausgeber von bedeutenden wissenschaftlichen Fachblättern, darunter das Journal of Nuclear Materials, Enzyklopädien und Buchreihen.

Robert F. Singer, Geschäftsführer der NMF, die innovative Prozesstechniken zur Herstellung von Bauteilen aus Metallen und Kunststoffen entwickelt, machte die Gäste in den Räumen des Unternehmens im obersten Stockwerk des Technikums in der Uferstadt kurz mit den Aufgaben und Zielen der Gesellschaft vertraut. Singer erinnerte daran, dass Robert Cahn 2001 selbst hier zu Besuch war und über sein Arbeitsgebiet «in perfektem Deutsch» referierte. «Klang es nicht ein bisschen altmodisch?», erkundigte sich Patricia Cahn (83) liebevoll. Sie betonte, dass ihr Mann glücklich war, dass er seine Heimatstadt noch einmal besuchen konnte: «Er vertraute darauf, dass gute internationale Kontakte unter Wissenschaftlern auch die Freundschaft zwischen den Nationen fördern.»

Während eines Rundgangs erläuterte Singer kurz Forschungsschwerpunkte wie die Herstellung von Bauteilen durch Magnesium-Spritzgießen. Zuvor waren die Besucher mit Gisela Naomi Blume unter anderem auf zwei jüdischen Friedhöfen gewesen, wo sie die Gräber von Vorfahren besuchten. Martin Cahn (59), ein Biologe, versicherte gestern kurz vor dem Rückflug nach England: «Es war so interessant, wir haben viel Neues über unsere Familie erfahren.»

Oberbürgermeister Thomas Jung kündigte beim Abschiednehmen an, dass man sich bemühen werde, schon bald ein Erinnerungszeichen an Robert Cahn in der Stadt aufzustellen. Sohn Martin freute sich: «Das hätte meinen Vater ganz außerordentlich berührt.» 

Sabine Rempe

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