"Bier wird wieder als echtes Kulturgut verstanden"

18.5.2016, 06:00 Uhr

© dpa

Herr Höfler, welches Bier kommt beim Tucher-Chef zum Feierabend auf den Tisch?

Höfler: Ein Lederer-Pils. Ich esse gerne süß, trinke aber herb.

 

Sie stammen aus einer Brauer-Familie, hatten immer engen Bezug zum Bier. Welchen Stellenwert, glauben Sie, hat Bier heute für die meisten Deutschen?

Höfler: Einen viel höheren als noch vor fünf Jahren. Man spricht wieder über Bier. Vor einigen Jahren hatte man den Eindruck, je kleiner die Brauerei ist und je weniger sie wirbt, desto weniger wird das Bier gekauft, vor allem nicht von den Jüngeren, die nur die Fernsehbiere im Blick hatten. Das hat sich komplett umgekehrt. Heute boomen kleine Biere. Dazu beigetragen haben viele neue Kleinbrauereien und die Craft-Beer-Bewegung.

 

Spielen da auch Heimatgefühle eine Rolle?

Höfler: Natürlich hängt das mit einer Sehnsucht nach Heimat zusammen, die diametral zur Globalisierung verläuft. Die Menschen suchen einen Anker in der Region, und das kann auch die kleine Brauerei sein. Dieser Trend hilft uns, läuft aber auch gegen uns, nämlich bei allen, denen auch Tucher schon zu groß zu sein scheint. Alles in allem habe ich den Eindruck, Bier wird wieder als echtes Kulturgut wahrgenommen. Vielleicht sogar wie nie zuvor.

 

Welchen Stellenwert hat in diesem Zusammenhang das Reinheitsgebot?

Höfler: Es ist der Stabilitätsanker dafür, dass wir überhaupt bis hierher gekommen sind. Dafür, dass Bier ein unverfälschtes Produkt geblieben ist. Manche Craft-Beer-Macher halten es für trendig und unangepasst, sich nicht ans Reinheitsgebot zu halten. Für uns ist es aber sehr wichtig. Außerdem kann man trotz des Gebots eine Million unterschiedlicher Biere herstellen, indem man mit den Zutaten Wasser, Hopfen, Malz und Hefe sowie dem Brauwasser spielt.

 

Tucher kommt aus Nürnberg, wurde aber lange Zeit in Fürth gebraut. Heute steht das Sudhaus auf der Stadtgrenze. Ist Tucher nun ein Fürther oder ein Nürnberger Unternehmen?

Höfler: Das Unternehmen Tucher – 85 Prozent unseres heutigen Geländes liegen übrigens auf Nürnberger Grund – steht für das Haus der fränkischen Bierkultur, in dem viele kleine und größere Marken eine Heimat gefunden haben. Dazu gehört auch die Marke Tucher – und die ist ganz klar eine Nürnberger Marke.

 

Wie man auch in der Werbung gesehen hat. Plakate mit dem Spruch „Die Seele der Stadt“ und Bildern der Nürnberger Altstadt hingen auch in Fürth . . .

Höfler: Ja, das hat bei den Fürthern keine Lobeshymnen ausgelöst.

 

© Fotos: Hans Winckler

Mögen die Fürther das Nürnberger Tucher?

Höfler: Ach, der Fürther hat damit wenig Probleme. Wir verkaufen auch hier ganz anständig. Das liegt vermutlich an der Grundliberalität der Menschen hier.

 

Sie sind selbst Fürther, die Rückkehr der Marke Grüner 2011 war ihnen deshalb sehr wichtig . . .

Höfler: Das war mir sogar eine Herzensangelegenheit.

Aber war es nicht auch ein Wagnis . . .?

Höfler: Es war ein Experiment, aber kein Wagnis. Wir haben zunächst nur eine kleine Menge gebraut, ohne wirtschaftliches Risiko. Unsere größte Investition war der Kauf von 5000 Grüner-Kästen. Wäre es schiefgegangen, hätten wir sie schreddern müssen. Der erste Sud war dann aber in kürzester Zeit ausverkauft.

Warum hat Grüner gleich so eingeschlagen?

Höfler: Da steckt die Sehnsucht der Fürther nach ihrem eigenen Bier dahinter, nach eigener Identität, nach der guten alten Zeit. Jeder kannte die Brauerei noch, ich selbst habe früher Ferienarbeit bei Grüner gemacht.

 

Anregung aus der Gustavstraße

 

Dass Tucher den Fürthern Grüner nicht übergestülpt hat, sondern die Anregung dazu aus einem Gasthaus in der Gustavstraße kam, dürfte auch eine Rolle gespielt haben . . .

Höfler: Ja, das kam schon sehr liebenswürdig rüber. Wir haben auch nie einen Hehl daraus gemacht, dass es nicht unsere Idee war, Grüner zu revitalisieren. Dazu hat Helmut Ell, damals noch Wirt des Gelben Löwen, mit seiner charmant-penetranten Art viel beigetragen. Letztendlich ist Grüner Helmuts und mein Baby. 2015 haben wir zwei weitere Gär- und Lagertanks aufgestellt, um die Nachfrage noch stillen zu können. Diese Erfolgsgeschichte ist schon relativ einmalig.

 

Grüner wurde wie andere Fürther Brauereien in den 70ern von Patrizier geschluckt und eliminiert. Welcher Teufel hat die Manager der Schickedanz-Gruppe damals geritten?

Höfler: Man wollte wohl Synergieeffekte erzielen, indem man einzelne Biermengen dieser Brauereien addierte und gegenrechnete, was die Vermarktung unter einem einzigen Absender kostete. Also nur eine Marke und eine Bierkiste. Da waren Entscheider aus anderen Branchen am Werk, die mit dem kleinteiligen Biermarkt nichts am Hut und wenig Gespür für Identität hatten.

 

Die Rechnung ging aber nicht auf.

Höfler: Das hat von Anfang nicht funktioniert, der Absatz ist eingebrochen. Wenn ich einem alten Biertrinker das Bier wegnehme und eine andere Marke vorsetze, verweigert er sie halt. Wer will schon gezwungen werden? Patrizier hat ein Dutzend Brauereien in der Region gekauft, um sie zu schließen. Bei einigen wenigen war es vielleicht schlüssig, weil die Anlagen marode waren. Bei den meisten hätte es aber andere Wege gegeben, so ist zumindest meine Einschätzung aus heutiger Sicht. Als Jugendliche haben wir das Fürther Brauereisterben gebannt verfolgt. Mit Grüner haben wir sicher vieles wiedergutgemacht.

 

Tucher könnte mit Geismann oder Bergbräu auch andere Fürther Biere wiederbeleben. Sie haben die Markenrechte, warum tun Sie’s nicht?

Höfler: Mir geht es da um Glaubwürdigkeit. Von Grüner hatten wir ja tatsächlich noch das Originalrezept, von Geismann haben wir es nicht. So einfach ist das.

 

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