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Blick in die glorreiche Wirtshauszeit

Tour mit schauspielerischer Unterstützung ließ Kneipenhistorie lebendig werden - 25.06.2008

Laienschauspieler der Bühne Erholung 27 führen den Disput zweier Arbeiter über beklagenswerte Arbeitsbedingungen in der Industrialisierung vor dem «Alten Rentamt» auf. © Barthelmes


Dass der Namensgeber der einstigen Gustav-Adolf-Stuben während der Schlacht an der Alten Veste bei Zirndorf selbst in der Gustavstraße, damals noch unter dem Namen Bauerngasse firmierend, genächtigt hat, ist laut Maria Schmidt-Holzhauser zwar nicht bewiesen; Nürnberger Aufzeichnungen über Verpflegungsrationen sollen aber zumindest ein Indiz für den einstigen Aufenthalt des schwedischen Königs in Fürths heutiger Kneipenmeile sein.

Nur eine der Anekdoten aus der Reihe «Wirtshausgeschichten», mit der die Stadtführerin im Zusammenwirken mit Schauspielern der Bühne Erholung 27 einen lebendigen Bilderbogen des blühenden Kneipenlebens in der Altstadt entwarf. Beim «Goldenen Schwan» am Grünen Markt, einer anderen legendären Wirtschaft, begann die Tour. Hier ging es auch um den früheren Weinbau in der Stadt. Dem Liebhaber des Gerstensafts wurde allerdings einiges zugemutet, bevor 1550 der Bierkonsum immer mehr um sich griff. Kieselsteine, Ton, Erde, Eier ohne Schale oder - wegen des süßlichen Geschmacks - auch Arsen sollen dem Wein laut Schmidt-Holzhauser zur Verfeinerung beigemengt worden sein.

Vom aufkeimenden Wohlstand der Gastwirte konnte sich die Gruppe in der Gustavstraße überzeugen, als bereits 1724 der Braumeister Gabriel Beil (heute «Zum Alten Rentamt») die spätere Geburtsstätte der Spielvereinigung (1903) in Sandstein erbauen ließ. Zunehmend lösten auch Verschieferungen der Fassaden das verpönte ländliche Fachwerk ab.

Gespielter Disput

Die bauliche Stilvielfalt, sagen Fachleute, erklärt sich durch die jahrhundertelange Parallelherrschaft des Ansbacher Markgrafen, des Bamberger Bischofs und des Nürnberger Rats. In der aufkommenden Industrialisierung verkam die Gustavstraße rasch zum Spiegelbild der sozialen Verelendung, als mitunter Fremdarbeiter und ungelernte Kräfte die Stadt überschwemmten und über die Runden kommen mussten.

Der gespielte Disput zweier Arbeiter über die beklagenswerten Arbeitsbedingungen und der Auftritt eines Fürther Originals, der Schnorrerin «Pfeifndurla», vermittelten einen bildlichen Eindruck der früheren Verhältnisse.

Beim Besuch im «Grünen Baum» stand die Gruppe schließlich an der Wiege der Sozialdemokratie in Fürth. Während der berüchtigten Sozialistengesetze von Reichskanzler Bismarck wurde hier heimliche «Stammtischpolitik» betrieben, auch der berühmte August Bebel soll eine Rede gehalten haben.

Nach dem Krieg knüpfte die Kneipenmeile in der Zeit des Wirtschaftswunders und wachsender Lebensqualität auch einen Ruf als Revier amerikanischer Soldaten, die mit den «deutschen Froileins» anbandelten - und bisweilen schnell das Weite suchten, wenn diese schwanger wurden.

An glorreiche Gastronomie-Zeiten von früher kann die heutige Kleeblattstadt nicht mehr anknüpfen. Kamen nach Angaben von Schmidt-Holzhauser im Jahr 1604 noch 35 Gaststätten auf 1500 Einwohner, so gibt es derzeit nur noch rund 600 Wirtshäuser für 113 000 Fürther.

Die legendäre frühere Kneipendichte war bereits Erhard Andreas Saueracker aufgefallen, dessen Zitat auch der Führung ihren Titel gab: «In Fürth gibt’s nichts als Juden und Wirth». 

Oliver Barthelmes

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