Judith Weingart klingt gefasst, doch in ihrer Stimme schwingt eine tiefe Traurigkeit mit. Die Nachricht aus Italien vom Tod ihrer Kollegin Gisela G. (Name geändert) aus Oberasbach hat sie offensichtlich noch nicht ganz verdaut. „Natürlich war das Schiffsunglück lange Zeit das beherrschende Thema im Betrieb“, erklärt die Pressesprecherin des Zirndorfer Unternehmens Playmobil, bei dem die 52-jährige Gisela G. bis zuletzt beschäftigt war. „Aber ganz ehrlich: In den letzten Tagen war die Hoffnung auf ein Wunder doch schon geschwunden“, gibt Judith Weingart zu.
Ähnlich ging es Gisela G.s Freundin Angelika Blank, die mit ihr an Bord gewesen war und sich selbst schwimmend ans Ufer der Insel Giglio gerettet hatte. Als die Polizei am Donnerstag das Gespräch mit ihr suchte, habe sie natürlich geahnt, sagt sie, dass es keine guten Nachrichten geben würde: „In den letzten Tagen stand ja auch in den Medien, dass es kaum noch eine Chance gibt, Überlebende zu finden. Und nachdem wir vor Ort alle Krankenhäuser abtelefoniert hatten, wussten wir, dass sie dort nicht liegt.“
Immer noch fällt es ihr schwer, das Geschehene zu begreifen: „Dass mehr als 4000 Passagiere überlebt haben und ausgerechnet meine Freundin unter den Opfern ist, das will mir einfach noch nicht in den Kopf. Ich habe erst vor kurzem zu meiner Tochter gesagt: ,Irgendwann muss ich doch aufwachen.‘“
Bleibt die Frage: Wer ist schuld an dem Unglück, und war es vermeidbar? Die Vorwürfe gegen den Kapitän der „Costa Concordia“, Francesco Schettino, werden immer lauter. Der Generalkommandant des zuständigen Hafenamtes, Admiral Marco Brusco, erklärte in einer Anhörung des Senats in Rom, dass die Verantwortung für den Schiffbruch „mit Sicherheit“ bei Schettino liege. Bei einem rechtzeitigen Alarm hätte es vielleicht keine Toten gegeben. Schettino habe eine „kostbare Stunde“ für die Rettung der etwa 4200 Passagiere und Crewmitglieder verstreichen lassen, ist sich der Admiral sicher.
Auch die Costa-Reederei widersprach der Darstellung des Kapitäns, laut der ein Manager die Unglücks-Route nahe der Insel Giglio verlangt hatte. „Dieses Manöver war nicht autorisiert. Wir waren darüber nicht informiert“, erklärte Costa-Chef Pierluigi Foschi im Senat zu Rom. Schettino habe das allein entschieden.
Die mit dem Fall betraute Ermittlungsrichterin legte in dem Beweissicherungsverfahren eine erste Anhörung auf den 3. März fest. Dabei dürfte es vor allem um die Auswertung der Blackbox gehen, die unter anderem die Kommunikation auf der Kommandobrücke am Abend der Havarie aufgezeichnet hat.
Krisenstabsleiter Franco Gabrielli machte unterdessen erneut klar, dass die Retter an Bord des Kreuzfahrtschiffes nun nicht mehr nach Überlebenden suchen: „Wir werden uns ganz langsam der Vorstellung annähern müssen, dass es keine Hoffnung mehr gibt“, sagte er.
Das wird jene treffen, die immer noch auf die Nachricht von einem Wunder warten — laut Angaben des Auswärtigen Amtes in Berlin gelten weiterhin acht deutsche Passagiere der „Costa Concordia“ als vermisst. In Oberasbach hat das Warten nun ein Ende. Gisela G. wird nicht mehr zurückkehren. „Aber vielleicht“, sagt Playmobil-Sprecherin Judith Weingart, „ist das in gewisser Weise auch eine Art Erlösung. Denn jetzt, wo endlich Gewissheit herrscht, kann man Abschied nehmen und trauern.“
Noch schlimmer, sagt auch Angelika Blank, wäre es gewesen, "wenn die Ungewissheit noch Monate lang weitergegangen wäre", wenn ihre Freundin vielleicht nie gefunden worden wäre. "Jetzt ist es möglich, ihre eine würdige Bestattung zu geben, sich zu verabschieden." Um dann irgendwann zur Ruhe zu kommen. "Irgendwie bin ich selbst noch gar nicht zu Hause angekommen", sagt Angelika Blank.



