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Das schwarze Negligee

05.11.2013 10:00 Uhr

Leonhard F. Seidl. © Katrin Heim


Angela erwachte, weil die Badtür quietschte. Wütend hob sie den Kopf mit den bleischweren Augenringen und tastete nach ihrem Mann Joachim, der die Angeln vorgestern ölen wollte. Er wusste, dass sie das unglaublich männlich fand, auch, wenn es sich dabei um den Aufgabenbereich des Hausmeisters handelte.

„Vermutlich vergnügt er sich wieder einmal mit einem chemischen Experiment“, dachte Angela verbittert. Von dem Gedanken schmerzte ihr Genick noch mehr. Hatte sie doch während der Verhandlungen stundenlang ins Gesicht von Andrea schauen und dabei gute Miene zum bösen Spiel machen müssen. Da hörte sie ein Geräusch aus dem Bad. Vielleicht war Joachim ja doch schon zu Hause. Voller Vorfreude schlug sie die Bettdecke zur Seite und das schwarze Negligee blitzte hervor. So drapiert wartete sie mit halb geöffneten Augen auf ihren Mann. Weil sich die Schlafzimmertür nach fünf Minuten aber immer noch nicht öffnete, hievte sie sich aus dem Bett. Da hörte sie wieder ein Geräusch aus dem Bad. Es klang wie ein Krebs, der sich durch den Medikamentenschrank wühlte.

Lediglich mit dem Negligee bekleidet, schlich sie ins Bad. Durch die Ränder der geschlossenen Toilettentür drangen Lichtfetzen und schabende Geräusche. Langsam öffnete sie die Tür einen Spaltbreit. In ihrem Bad mit der gläsernen Badewanne stand Barack, in weißer Short und Unterhemd, den rechten Fuß auf der Toilette abgestützt. Sie spürte, wie ihr Kreislauf auch ohne Kaffee in Schwung kam, und atmete schneller. „Everything alright, Angie?“, fragte Barack. „Barack, was machst du denn hier?“ Sie schnappte nach Luft. „Wenn Joachim nur Arbeit im Sinn hat“, versuchte sie die Gedanken zu entschuldigen. Barack nahm den Fuß vom Badewannenrand, richtete sich auf, musterte Angela und hielt ihr eine Tube vors Gesicht. „Hast du Fußpilz?“ Ihr Kopf begann zu glühen. Sie starrte zu Boden und wünschte sich von einem unerschütterlichem Gleichmut beseelt zu sein. Schon nach kurzer Zeit war sie wieder die Alte. „Barack, ich wollte dich heute eh noch anrufen“, versuchte sie sich so sachlich als möglich. „Ich weiß“, schmunzelte er.

Er griff in den Medikamentenschrank und zog ein lila verpacktes Kondom hervor, Triumphierend hielt er es ihr vors Gesicht. Bevor Angela entschuldigend „Familienplanung“ antworten konnte, brummte er: „Genoppt und gerippt.“ Das „R“ rollte er, dass Angie weiche Knie bekam. Plötzlich läutete Angelas Handy. Abrupt stieß sie Barack von sich und polterte: „Unter Freunden, das geht gar nicht.“ Dann ging sie ran. Am Telefon war Roland: „Die Affäre ist offiziell beendet worden.“ „Dann bin ich ja beruhigt“, seufzte Angie und legte auf. „Jetzt steht mir der Sinn nach einem guten Tropfen und einem leckeren Essen.“ „Sorry Angie“, verzog Barack angewidert das Gesicht. „Wein ja, aber Essen nein. Du bist nicht gerade für deine Kochkünste berühmt.“ „Woher er das nur wieder weiß“, dachte sie, drehte sich um, holte Wein, Gläser und Korkenzieher.

Eine Stunde später schob sich der Schlüssel ins Schloss und Joachim Sauer stand in der Tür. Auf dem Wohnzimmertisch zwei Weingläser und eine geleerte Pulle. Als er über Angelas Negligee stolperte, schreckte sie hoch und sah sich schlaftrunken um. „Du behauptest immer, du hast nichts zu verbergen“, zeterte ihr Mann ohne Begrüßung und deutete auf die Gläser. Angelas schlechtes Gewissen durchforstete den Raum.

„Habe ich auch nicht“, log sie. „Wie sollte ich die Sehnsucht nach dir denn sonst ertragen? Du wolltest schon vor Stunden bei mir sein.“ Irgendwann schliefen Angela und Joachim erschöpft und eng aneinander gekuschelt ein. Wenig später weckte sie Angelas Fahrer mit einem Telefonanruf. Verkatert, aber äußerst entspannt, schoss Angela ins Bad. Als sie ihren Fußpilz behandeln wollte, suchte sie vergebens nach der Salbe.

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Leonhard F. Seidl

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