Dienstag, 13.11.2018

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"Das System Milch": Einblick in ein brutales Geschäft

Dokumentation zeigt: Der Preiskampf ruiniert Bauern und die Natur - 10.09.2018 07:16 Uhr

Ein Idyll ist die Milchproduktion nicht. © dpa


Ein sehr gut gefüllter Kinosaal im Babylon-Kino beweist: Das urbane Publikum interessiert sich für das Nahrungsmittel Milch und dessen Herkunft. Luise Zempel aus Cadolzburg organisiert den Abend, erinnert an Zeiten kleinbäuerliche Landwirtschaft und muss das Publikum doch auf einen Dokumentarfilm einstimmen, der vor allem eines zeigt: das wie vom Wahnsinn getriebene, gewinnorientierte Wirtschaftssystem der global agierenden Milchindustrie. Ein System, das nur Leistungssteigerung und Billigstpreise kennt und viele Verlierer produziert: Landwirte, Umwelt, Tiere und Verbraucher.

Den Film "Das System Milch" hat der Bozener Andreas Pichler geschaffen. 90 Minuten führt er, der selbst als Bub die Kühe mit hinauf auf die Alm getrieben hat, den Zuschauer zu Bauern und in Ställe, nach Brüssel zu Lobbyisten und EU-Abgeordneten, zu Molkereiunternehmern und Marketingstrategen, auf Leistungsschauen für Kühe und zu Wissenschaftlern.

Er reist nach China, erfasst mit der Kamera die Dimension von 10.000 (!) Kühen in einem Stallkomplex und wirft einen Blick in die Regale chinesischer Supermärkte. Dort finden sich die Produkte europäischer Lebensmittelkonzerne. Die halten an den chinesischen Milchraffinerien übrigens erkleckliche finanzielle Anteile.

Der ohnehin enorme Anteil an Exporten explodierte ein weiteres Mal, seit die chinesischen Konsumenten die Bildfläche des Milchmarktes betraten. Doch auch der afrikanische Markt ist im Visier der Milchmanager. Milch und Milchpulver aus Europa zerstören die einheimischen Strukturen. Wie formuliert es der Betreiber einer winzigen Molkerei im Senegal? "Die Toten im Mittelmeer sind auch die Söhne unserer verarmten Bauern."

Hoher Druck

Die Sprecher der europäischen Milchkonzerne geben zu, dass sie immer auf der Suche nach neuen attraktiven Märkten sind, die den Absatz der hiesigen Milchindustrie anheizen. Das heißt aber nicht, dass die europäischen Bauern auf der Gewinnerseite dieses Turbokapitalismus stünden. Im Gegenteil, Preis- und Investitionsdruck bewegen immer mehr Bauern zur Betriebsaufgabe.

Denn bei ihnen kommen nur die von den Molkereien gezahlten Centbeträge pro Liter abgelieferter Milch an. 45 Milliarden Euro Subventionen, die jährlich in die europäische Landwirtschaft gepumpt werden, dienen vor allem auch der Milchindustrie. Sie geht mit Dumpingpreisen auf den Weltmarkt.

Kaum zu glauben, wenn eine schwäbische Bäuerin von der Entwicklung ihres Familienbetriebes erzählt und darauf verweist, dass man nicht mit der Milch das Familieneinkommen bestreitet, sondern mit der Energie aus der mit Gülle betriebenen Biogasanlage: "Wir verdienen unser Geld mit der Scheiße", meint die sympathische Frau und schüttelt dabei selbst fassungslos den Kopf.

Kaum zu fassen, wie zynisch ein dänischer Milchbauer seine Situation beschreibt: "Eigentlich gehört alles der Bank." 700 Kühe, Nummern, solange sie Milch geben, stehen in seinen Ställen. Sie sollen jedes Jahr ein Kalb zur Welt bringen. Denn ohne Kalb keine Milch. Dass dabei männliche Kälbchen als Abfall bezeichnet werden, ist nur eine der Folgen der Entfremdung der modernen Landwirtschaft von den natürlichen Lebensgrundlagen.

Kühe in Europa sind eigentlich dazu da, Gras zu Milch zu verstoffwechseln. Milch war ein Überlebensmittel für die kalte, erntelose Jahreszeit. Heute haben Kühe Euter in der Größe von Riesenkürbissen und werden zu Höchstleistungen mit der Eiweißbombe Soja getrieben. Der Sojaanbau zerstört nicht nur den klimabestimmenden Regenwald Südamerikas, sondern vom Tier ungenutztes Eiweiß kommt über die Gülle auf unsere Felder. Die Konsequenz: Jeder dritte Brunnen ist mit Nitraten belastet.

Kaum zu hoffen, dass es auch anders gehen könnte. Ein Biobauer aus Südtirol sieht seinen Beruf als Lebensentwurf. Er spricht noch von beseelter Landwirtschaft, von Kreisläufen und einem gesunden Boden mit einem Universum an Bioorganismen. Für ihn gibt es nur einen Trend, den zurück zur kleinen, umweltorientierten Landwirtschaft.

Für 500 Familien

Diese stellt in der anschließenden Diskussion Claudia Dollinger vor, die mit ihrer Familie in Thalmässing einen Biohof im System der solidarischen Landwirtschaft führt. Ihre Kunden beteiligen sich an den gesamten Betriebskosten und erhalten dafür anteilig Naturalien. "Wir ernähren auf diese Weise rund 500 Familien", erzählt Dollinger.

Der Oberasbacher Milchbauer Wolfgang Kleinlein setzt auf die Aktion „Faire Mich“ und betreibt eine Milchtankstelle zur Selbstvermarktung. © Fiedler


Ebenfalls im Publikum sitzt der Oberasbacher Biobauer Wolfgang Kleinlein. Er betreibt eine Milchtankstelle und verweist darauf, dass die Aktion "Faire Milch" ein Weg zu überlebenstauglichen Milchpreisen sein könnte. Kleinlein gibt dann noch einen konkreten Rat, den der ansonsten so großartige Dokumentarfilm schuldig bleibt. "Wenn Sie im Supermarkt einkaufen wollen oder müssen, dann greifen Sie zur Bio-Demeter-Milch."

Fazit: Wer der Geizmentalität huldigt und damit den Kauf von Discounter- oder No-Name-Milch rechtfertigt, der muss mit einer Brechreiz provozierenden Verantwortung leben. Mit dieser Kaufentscheidung subventioniert er nämlich nicht nur eine quälende Ausbeutung der Tiere, sondern ruiniert paradoxerweise auch unsere Bauern und die Natur. 

Petra Fiedler

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