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Die Cadolzburg — Museum der vielfältigen Möglichkeiten

Burgführerin Holst zieht den Vergleich: Die Hohenzollernveste früher und heute - 10.08.2017 06:00 Uhr

Seit ihrer Renovierung ist die Cadolzburg ein modernes Erlebnismuseum, das mehr und mehr Gäste von Nah und Fern anzieht. © Hans-Joachim Winckler


Das historische Gebäude ist dasselbe, doch im Inneren ist der Unterschied gewaltig. Können Sie beides überhaupt vergleichen, Frau Holst?

Brunhild Holst: Ich will es einmal versuchen: Früher mussten wir Burgführer mit viel Fantasie arbeiten. Für unsere Gäste war allein schon das Gemäuer ein Erlebnis — der Innenhof, der Ochsenschlot oder der Erkersaal. Jetzt fasziniert mehr das Inventar. Vor allem die Kinder lieben es, Helme oder den Plattenpanzer anzuprobieren oder das Kolbenturnier auszutragen, sich in das herrschaftliche Bett zu legen oder sich am Computerbildschirm zu informieren.

 

Welche Rückmeldungen haben Sie von den ersten Gästen bekommen?

Brunhild Holst: Ich habe zum Beispiel eine Gruppe des Vereins Freunde der Münchner Residenz geführt. Da erwartete ich zunächst, dass es sich um sehr anspruchsvolle Gäste handelt. Die Münchner zeigten sich am Ende begeistert, bei ihnen kam die Mischung aus Erlebnis und historischer Information gut an.

 

Woher stammen die Besucher, die in den ersten Wochen kamen?

Brunhild Holst: Mein Eindruck ist, dass derzeit noch viele Cadolzburger die Burg besuchen, sie laden sich dazu Gäste ein, denen sie "ihre" Burg stolz präsentieren. Auffällig viele kommen auch aus dem Großraum Nürnberg, Fürth, Erlangen, wohl gerne mit dem Fahrrad. Zugleich hat die Zahl der auswärtigen Autokennzeichen in Cadolzburg zugenommen, doch es ist nicht so, dass man sich als Einheimischer bedrängt fühlt.

 

Bevor Sie durch das Museum führen durften, wurden die Burgführer geschult. Was haben Sie dazugelernt?

Brunhild Holst: Für mich war nicht alles neu, denn ich führe bereits seit 1999 Besuchergruppen durch das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg. Bei den vier Vorbereitungstreffen ging es auch um Themen: Wie leite ich eine Gruppe? Welche Schwerpunkte wähle ich aus? Wie muss meine Stimme sein? Dazugelernt habe ich definitiv dank der dicken Ordner mit Materialien, die die Grundlage des Begleitbandes zum Museum "herr im hauß" sind. Schließlich müssen die Museumsführer die Exponate und die historischen Fakten kennen. Und es gab einige lehrreiche Übungsvorträge.

 

Was war daran lehrreich?

Brunhild Holst: Wir haben zum Beispiel festgestellt, dass bestimmte Räume nicht für eine größere Gruppe geeignet sind. Oder dass es unmöglich ist, über die Kriegsfolgen für die Bevölkerung zu sprechen, während nebenan eine fröhliche Kindergruppe das Kolbenturnier ausprobiert.

 

Unter den 25 Führern sind zehn aus Cadolzburg, die, so wie Sie, schon vorab als Ehrenamtliche das Bauwerk gezeigt haben, und 15 Neue. Jetzt sind Sie nicht mehr ehrenamtlich tätig — warum?

„Das Inventar fasziniert“ — Brunhild Holst zeigt besonders gerne Kindern die Burg. © Foto: Scherer


Brunhild Holst: Zuvor waren wir durch einen kleinen Kostenbeitrag der Gäste zumindest versichert, falls jemand auf den Stiegen oder im unebenen Gelände gestürzt wäre. Nun werden wir als freie Mitarbeiter der Schlösserverwaltung geführt, und da gibt es keine Ehrenamtlichen. Jetzt kostet die Führung in der Burg für eine Gruppe 45 Euro neben dem Eintrittspreis. Das Geld kassieren wir gleich zu Beginn, so dass die Schlösserverwaltung nichts damit zu tun hat. Wir müssen es natürlich auch versteuern. Für die Studenten unter den Burgführern ist das ein ganz nettes Nebeneinkommen, davon leben kann allerdings keiner. Da wir aber freie Mitarbeiter sind, besteht immer die Möglichkeit, kostenlose Führungen zu halten. Außerdem kann jeder Besucher auch ohne Führung die Burg besichtigen, das war zuvor nicht möglich. Was es zudem immer noch gibt, ist die Führung "Rund um die Burg", die beim Kulturamt Cadolzburg unter der Telefonnummer (09103) 5 09 32 für einen geringen Preis gebucht werden kann.

 

Sie machen auch gerne Kinderführungen. Gibt es für den Nachwuchs spezielle Angebote?

Brunhild Holst: Bislang hat eine der fest angestellten Museumspädagoginnen einen Nachmittag für Kinder gestaltet, bei dem die jungen Besucher auch praktische Dinge ausprobieren konnten. Hier ist schon vieles im Angebot, aber sicher wird das im Laufe der Zeit noch ausgebaut. Es gibt ja so viel, was man machen kann: Kochen, Stoffe färben, Spiele.

 

Vermissen Sie ein bisschen die fantasievollen Rundgänge von früher?

Brunhild Holst: Ja, meine schöne Kinderführung im Gewand. Die Gewänder haben wir von einer Musicalaufführung der Burgfestspiele erhalten. Die Kuratorin hat aber sofort festgestellt, dass sie nicht in die Zeit passen, beispielsweise waren daran Schnürungen, wie man sie nicht im Mittelalter, sondern erst in der Renaissance getragen hat. Schließlich hat das Museum einen wissenschaftlichen Anspruch, Nicht-Authentisches soll nicht gezeigt werden. Andererseits gibt es jetzt viel mehr Möglichkeiten spezieller Führungen und mir gefällt die Ausstattung ausnehmend gut.

 

Welche speziellen Führungen könnten das sein?

Brunhild Holst: Das fängt beim Küchenalltag an, geht über die Familiengeschichte der Zollern bis zur Rechts- und Verwaltungsgeschichte des Spätmittelalters.

 

Gibt es heute Räumlichkeiten, die früher nicht zu sehen waren?

Brunhild Holst: Früher konnte man ein ganzes Stück weiter den Wehrgang entlanglaufen. Das geht jetzt nur noch an zwei Stellen einige Meter und ist für eine größere Gruppe nicht geeignet. Was jetzt aber zu sehen ist, ist ein Abtritterker, also die Toilette des Spätmittelalters. Und der gesamte dritte Stock des Alten Schlosses ist neu entstanden. 

Interview: BEATE DIETZ

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